In eigenen Worten #16: “Die Leute leiden in ihren Herzen, in ihren Köpfen.”

In eigenen Worten #16: “Die Leute leiden in ihren Herzen, in ihren Köpfen.”


Zeugnis von A. und B., Guinea

A., 33 Jahre alt aus Conakry in Guinea, leidet an Kopfschmerzen. Auch seine Füße schmerzen schlimm vom vielen Laufen. Obwohl er erschöpft aussieht, möchte er seine Geschichte teilen. „Weisst du, mein Bein tut weh, weil wir so weit durch die Wüste gelaufen sind, und dann wurde ich in Libyen drei Monate gefangen gehalten. Wir wurden alle an einem Ort festgehalten, zu dem wir in einem Lieferwagen gebracht wurden, mit etwa 25 Personen im Van, und dann wurden wir in einer Art großem Gefängnis eingesperrt. Es gab dort nur zwei Duschen und zwei Toiletten für 500 Leute. Wir hatten nur wenig Platz zum Schlafen, und Tageslicht von draußen konnte man nur durch das Fenster in der Dusche sehen. Ich weiß nicht, wo wir waren. Wir konnten den Ort nicht identifizieren, ich könnte dir weder einen Namen noch eine ungefähre Lage wiedergeben, ich habe keine Ahnung, wo es war. Sie gaben uns nur alle 24 Stunden Essen, eine Art Pasta mit nichts dazu. Und das Wasser war salzig, das einzige Trinkwasser war salzig, also waren wir vielleicht in der Nähe des Meeres.“

„Ich wusste nicht, was auf dieser Reise auf mich zukommen würde. In Conakry arbeitete ich in der Notfall-Organisation gegen die Ebola Epidemie. Aber dann endete der Auftrag, ich hatte keine Arbeit, und ich beschloss zu gehen. Aber ich schwöre, ich würde diese Reise nie wieder auf mich nehmen“ sagt er mit feuchten Augen. „Ich habe solch große Schmerzen. Meine Augen schmerzen, mein Bein schmerzt, mein Kopf schmerzt. Kannst du mir bitte etwas Paracetamol geben…“.

B., aus der Elfenbeinküste, 30 Jahre alt, hat A. im Lager in Libyen kennengelernt und fährt mit der Geschichte fort.

„Ich würde niemandem raten, die Reise anzutreten, die ich durchgemacht habe um hierher zu kommen. Selbst meinem schlimmsten Feind würde ich nicht raten es zu versuchen. Ich war mir der Risiken nicht bewusst, als ich meine Heimat verließ. Auf der Reise, ab dem Niger, in Agadez, fingen die Schwierigkeiten an. Wir wurden ständig von bewaffneten Leuten entführt, die unsere Familien zur Zahlung erpressten, ansonsten würden sie uns gefangen halten. Wir reisen nie mit Geld, mit Bargeld. Sie geben einem eine Bankverbindung und deine Familie muss dann Geld überweisen. Wenn das Geld angekommen ist, wird man freigelassen und kann die Reise fortsetzen. Nicht nur die Libyer behandeln uns so, sondern alle Maghreb-Länder. Einmal musste ein Freund von mir von seiner Familie Geld auf ein ägyptisches Konto überweisen lassen.”

“Ich mache mir große Sorgen um einen anderen Freund, der nicht aufs Boot gekommen ist, weil er so schwach ist. Seine Familie wollte nicht für ihn zahlen… wir mussten ein Bild von ihm schicken, das ihn in großen Schmerzen zeigte. Schau dich um, alle hier leiden, wir sind alle krank. Aber es sind nicht nur Kopfschmerzen oder Seekrankheit oder Verletzungen… Die Leute leiden in ihren Herzen, in ihren Köpfen. Nach allem was wir durchgemacht haben. Ich habe Menschen mit Verletzungen von Elektroschocks wie vom elektrischen Stuhl an den Handgelenken gesehen…“

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Interview: Mathilde Auvillain
Übersetzung: Ulrike Werner
Foto: Andrea Kunkl / SOS MEDITERRANEE