Ein offener Brief an Europa

Ein offener Brief an Europa

09. Mai 2017

SOS MEDITERRANEE

Ein offener Brief an Europa

Das Mittelmeer ist zur tödlichsten Grenze der Welt geworden. Alleine im Jahr 2016 starben 5.097 Menschen bei dem Versuch das Mittelmeer zu überqueren und in Europa Zuflucht zu suchen. Zehntausende Menschen sind seit dem Jahr 2000 im Mittelmeer ertrunken. Wie viele nie ankamen, weil ihre Boote sanken und ohne Spur verschwanden, wissen wir nicht. Diese humanitäre Katastrophe spielt sich seit nunmehr 15 Jahren vor den Augen Europas ab.

In der Überzeugung, dass niemand im Mittelmeer ertrinken darf, wurde SOS MEDITERRANEE am 9. Mai 2015 von einer Gruppe europäischer Bürger*innen gegründet. Wenige Monate nachdem Europa entschieden hatte Mare Nostrum zu beenden, eine großangelegte Rettungsinitiative, die ein Jahr lang von der italienischen Marine betrieben wurde. Seitdem sind wir im Mittelmeer Zeug*innen der Abwesenheit eines offiziellen Seenotrettungsprogramms und fehlender institutioneller Maßnahmen geworden.

 

Retten, beschützen, bezeugen

Unsere humanitäre, zivilgesellschaftliche Organisation gründet auf dem Prinzip der Menschenwürde.  Gemeinsam mit Kolleg*innen in Frankreich und Italien stehen wir zusammen, um Menschen zu retten, sie zu schützen und zu begleiten. Gleichzeitig bezeugen wir die Schicksale der Geflüchteten und klären die europäische Öffentlichkeit über die Situation der Geflüchteten im Mittelmeer auf.

Seit Beginn unseres Einsatzes vor vierzehn Monaten haben wir 101 Rettungseinsätze unter Koordination des Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom durchgeführt und mehr als 18.000 Menschen an Bord der Aquarius willkommen geheißen, ein Viertel von ihnen Minderjährige, die meisten von ihnen unbegleitet. So unterschiedlich die Fluchtgründe der von unseren Teams geretteten Menschen sind, sie alle haben das gleiche Ziel: der Hölle in Libyen zu entkommen und einen sicheren Ort jenseits von Gewalt und Verfolgung zu finden.

 

Für ein Europa der Solidarität und der Menschlichkeit

Vor dem Hintergrund der Lage im Mittelmeer sehen wir uns als Europäer*innen dazu gezwungen, Initiative zu ergreifen, geleitet von der Überzeugung, dass jeder Mensch in Seenot gerettet und mit Würde behandelt werden muss. Egal woher er kommt, egal wohin er geht. Dies ist eine moralische und gesetzliche Pflicht, getragen von den Prinzipien der Menschlichkeit und Solidarität auf See, basierend auf internationalem Seerecht.

An Bord unseres Rettungsschiffes haben wir zahlreiche Zeugnisse von Überlebenden gesammelt, die das große Ausmaß an Gewalt in Libyen bezeugen. Während die Fluchtgründe der Geretteten variieren, so gleichen sie sich in einem zentralen Punkt: In Libyen ist Gewalt gegen Flüchtlinge an der Tagesordnung. Dies beinhaltet willkürliche Verhaftungen und Entführungen, Erpressung und Zwangsarbeit, körperlichen Missbrauch und Folter in Haftzentren, sexuelle Gewalt bis hin zu Mord. Die ärztlichen Untersuchungen unseres medizinischen Partners Ärzte ohne Grenzen an Bord bestätigen diese Erzählungen:

Männer werden für zwischen 325 und 3.250 Euro verkauft, je nachdem, was sie arbeiten können. Frauen werden für zwischen 150 und 1.500 Euro verkauft. Sie werden missbraucht, vergewaltigt, manchmal zwingen sie uns, zuzuschauen. Manchmal bedrohen sie uns mit Schusswaffen und zwingen uns, die Frauen zu vergewaltigen, sie nehmen dann Videos auf und schicken diese an die Familien der Frauen. Oder sie verkaufen die Frauen an Prostitutionsnetzwerke, die sie ‚connection houses‘ nennen. Wenn ich über Frauen spreche, meine ich auch sehr, sehr junge Mädchen(…). “ beschreibt die geflüchtete Sofiane, deren Zeugnis vor kurzem im ersten Buch von SOS MEDITERRANEE veröffentlich wurde („Les naufragés de l’enfer“ DIGOBAR Editions).

 

Zivile Organisationen nicht weiter kriminalisieren

Trotz des unermüdlichen Einsatzes von zivilen Seenotretter*innen im zentralen Mittelmeer im vergangenen Jahr, sind zivile Organisationen vermehrt Angriffen von verschiedenen Seiten ausgesetzt. Dazu gehören die EU-Grenzschutzbehörde Frontex, der sizilianische Oberstaatsanwalt Carmelo Zuccaro und nicht zuletzt die libysche Küstenwache.

SOS MEDITERRANEE weist diese Vorwürfe entschieden zurück. Unser humanitärer Einsatz ist eine Reaktion auf die untragbare Situation im Mittelmeer, nicht aber ihre Ursache. Zivile Organisationen retten jedes Jahr zehntausende Menschen vor dem Ertrinken, viele mehr würden ohne unseren Einsatz ertrinken, aber nicht weniger flüchten.

Wir tun dies im vollen Bewusstsein, dass Seenotrettung keine nachhaltige Lösung ist. Vor dem Hintergrund der Tragödie im Mittelmeer ist es an der Zeit, dass die europäischen Regierungen gemeinsam handeln.

 

Unsere Forderungen an die europäischen Regierungen und Behörden

Aus diesen Gründen fordert SOS MEDITERRANEE am heutigen Europatag alle europäischen Institutionen und Regierungschefs dazu auf, die gemeinsamen Werte von Solidarität und Menschlichkeit in die Tat umzusetzen und angemessene Mittel zur Rettung von Leben auf See zur Verfügung zu stellen. Alle Menschen in Seenot, unabhängig von ihrer Herkunft, müssen ihre Menschenrechte respektiert und geschützt wissen, einschließlich des Rechts auf humanitäre Hilfe. In der Abwesenheit sicherer Fluchtwege fordern wir, dass:

 

  • die Rettungsmaßnahmen im zentralen Mittelmeer unterstützt und drastisch erhöht werden. Die Arbeit der zivilen Organisationen ist ein Beitrag um die Todesfälle auf See zu verringern. Eine Lösung aber sind wir nicht.
  • die geretteten Personen gemäß internationaler Vorschriften in einen sicheren Hafen gebracht werden;
  • die Kriminalisierung ziviler Organisationen, deren einziges Ziel das Retten von Menschen auf See ist, ein Ende findet;
  • der Schutz und die Wahrung des menschlichen Lebens und der Würde auch auf See Vorrang haben

SOS MEDITERRANEE wird den Einsatz auf See so lange wie nötig fortsetzen.

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