Logbuch #68: „Du siehst die schlimmste Seite des menschlichen Leidens. All diese ängstlichen Gesichter sehen dich an. Das begleitete mich eine Weile“

(c) Patrick Bar

Logbuch #68: „Du siehst die schlimmste Seite des menschlichen Leidens. All diese ängstlichen Gesichter sehen dich an. Das begleitete mich eine Weile“

Für Mary, 20 Jahre alt, ist es das zweite Mal auf als Teil des Search- and Rescue Team an Bord der Aquarius. Sie war vorher Teil eines SAR-Teams in Lesbos und arbeitet weiterhin in einem Flüchtlingslager im Norden von Griechenland.

Als sie 16 war ging sie ans UWC Atlantic College, das sich an der Küste des Bristol-Kanals in Wales, befindet. Unter anderem bietet das College einen Rettungsbootkurs an, wo Mary ihre Ausbildung erhielt.

Im Laufe ihres Studiums an der Kunstschule reiste Mary nach Lesbos und meldete sich als Freiwillige bei Seawatch, um die Flüchtlingskrise für ihr Fotojournalismus Abschlussprojekt zu dokumentieren. Sie merkte bald, dass sie ihre Kamera lieber eintauschen würde um während der Rettungen helfen zu können: „Als ich dort war, hat sich meine Perspektive komplett geändert. Ich habe noch viel Respekt für Fotojournalisten und deren Arbeit, aber das war nichts für mich. Und ich habe gleich gemerkt, dass, wenn ich eine Wahl treffen müsste, ich auf jeden Fall auf der helfenden Seite sein wollte.“

Was folgten, waren weitere Jobs auf Rettungsbooten in Lesvos und als RHIB-Fahrer im Mittelmeer, als Teil der Minden, bevor sie dann SOS Méditerranée vorgeschlagen wurde, als die Organisation dringend nach Leuten für ihr Search und Rescue Team suchten. Nachdem sie im vergangenen Herbst 6 Wochen an Bord der Aquarius war, kehrte Mary nach Griechenland zurück, um dort in einem Flüchtlingslager in Thessaloniki zu arbeiten, wo sie auch heute noch arbeitet. Aber SOS Med blieb ihr in Gedanken, „ich habe es absolut geliebt. Seit ich in Griechenland war, wollte ich direkt wieder zurückkommen. Ich genieße es wirklich, es gibt kein besseres Gefühl als das, einem anderen Menschen zu helfen, und es gibt keinen bessere Weise, jemandem zu helfen, als jemandem das Leben zu retten. “

Genau wie bei anderen Mitgliedern des SOS Search und Rescue Team unterscheiden sich die Einsätze der Aquarius, von ihren bisherigen Erfahrungen als RHIB-Fahrer in Lesbos: „Hier draußen sind es immer noch ähnliche Menschen, die auf ähnliche Weise fliehen, aber hier gibt es den weiteren Faktor des offenen Meeres und viel größerer Boote. Auf dem ersten Boot, das ich hier gesehen habe, waren 120 bis 130 Personen, das war ziemlich schockierend“ berichtet Mary über ihre erste Rettung mit SOS Med.

Die schrecklichste Sache für Mary bleibt der Zustand der Menschen, die sie aus dem Wasser ziehen, „Es sind die extremsten Fälle von menschlichem Leiden. All diese ängstlichen Gesichter sehen dich an. Das hielt mich für eine Weile fest. So viele Menschen, die ausgebeutet und gefoltert wurden, leben wie Tiere in so schrecklichen Bedingungen. Und wie ihre Körper und ihre Gedanken vollständig von ihren Erfahrungen traumatisiert sind. Die meisten von ihnen wahrscheinlich in Libyen. “

Insbesondere erinnert sie sich an ein 18-jähriges somalisches Mädchen, die schwanger und unterernährt war, und nach Malta evakuiert werden musste, um in einem Krankenhaus zu gebären: „Wenn es eine andere Frau ist, die gleichen Alters ist, sich aber in so einer komplett anderen Situation befindet. Ich bin diejenige, die ihr hilft, nicht diejenige, der geholfen wird, aber es hat mich dazu gebracht mal über das Gegenteil nachzudenken. Wenn ich mich in dieser Situation befände, was würde ich tun? Würde ich es schaffen? Würde ich all das aushalten, was sie durchgemacht haben? Wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass dies die Stärksten sind, die es so weit gemacht haben. Die Schwächeren haben es nicht einmal durch die Wüste geschafft. Man fängt an über diese Dinge nachzudenken, und hoffentlich wird es für uns nie eine Realität sein. “

Wenn ich Mary zu ihrer Meinung über die Rolle der NGOs bei den Search und Rescue befrage, ist Mary hin und hergerissen: „Ich bin sehr froh, dass die NGOs hier diese Aufgabe erledigen, aber es sollte nicht die Aufgabe der NGOs sein. Es liegt im Verantwortungsbereich der EU. Ich sehe es in Griechenland und ich sehe es hier, die Institutionen reagieren nicht angemessen. Wenn wir nicht hier wären, würde die EU unsere Aufgabe übernehmen? Das wissen wir nicht. Wenn sie es nicht tun würde, würden weitere Tausende und Tausende sterben, und niemand würde es wissen, weil wir die Retter sowie die Augen dieser Krise sind. Und natürlich können wir das als NGO nicht zulassen, wir können dieses Risiko nicht auf uns nehmen. “

„Wir müssen unsere Search und Rescue Einsätze fortsetzen, und gleichzeitig den anhaltenden Mangel an adäquater institutioneller Reaktionen anprangern. Von heute aus betrachtet, sind wir weiterhin auf See, mehrere Organisationen wurden gegründet, die von der Öffentlichkeit unterstützt werden. Aber noch heute gibt es nicht ausreichend Search und Rescue Mittel, um weitere Tragödien zu stoppen, und Europa hat diese Verantwortung überhaupt nicht wahrgenommen.“

 

Übersetzung: Lea Main-Klingst

Foto: Patrick Bar