Dramatische Osterfeiertage auf dem Mittelmeer – Rettungskapazitäten müssen dringend aufgestockt werden!

©Patrick Bar / SOS MEDITERRANEE

Dramatische Osterfeiertage auf dem Mittelmeer – Rettungskapazitäten müssen dringend aufgestockt werden!

Dutzende Flüchtlingsboote in Seenot, zahlreiche Ertrunkene, ein wahrer Rettungsmarathon und Schiffe humanitärer Hilfsorganisationen, die an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit geraten: Das war die Situation am Osterwochenende. Die Schiffe der NGOs MOAS, Jugend Rettet und Sea Eye waren pausenlos im Einsatz. Mehr denn je wird deutlich, wie dringend nötig der von SOS Méditerranée seit Monaten geforderte Ausbau der Rettungskapazitäten im zentralen Mittelmeer ist.

Am vergangenen Osterwochenende wurden im Verlauf von ca. 50 Seerettungseinsätzen etwa 8.000 Menschen an Bord mehrerer Schiffe genommen. Daran waren hauptsächlich internationale Hilfsorganisationen, die italienische Küstenwache und mehrere Handelsschiffe beteiligt.

Am Karfreitag nahm die Aquarius im Verlauf eines langen Rettungstages mehr als 500 Menschen an Bord. Dabei mussten die Mitglieder unseres Rettungsteams auch eine Leiche bergen, die sich in einem der überbesetzten Schlauchboote befand. In den darauffolgenden Stunden nahm die Aquarius auf Anweisung der Rettungsleitstelle Rom Kurs auf den Hafen von Pozallo. Währenddessen gerieten die verbliebenen Hilfsschiffe in eine dramatische Situation.

Laut der Informationen, die von den NGOs in den sozialen Netzwerken verbreitet wurden, absolvierte die Phönix, das Rettungsschiff von MOAS, ab dem frühen Morgen des 15. April einen 48-Stunden-Rettungsmarathon. Ungeachtet der Tatsache, dass sich bereits 450 Gerettete an Bord befanden – sowie sieben Leichen – nahm das die Phoenix Kurs auf neun weitere Boote in Seenot und rettete auf diese Weise 1.000 weiteren Menschen das Leben. Sie blieb vor Ort, bis Verstärkung eintraf: die Iuventa, das Schiff der NGO Jugend Rettet, die Sea Eye, Boote der italienischen Küstenwache sowie zwei Handelsschiffe.

Das 26 Meter lange ehemalige Fischerboot Sea-Eye nahm 200 Menschen an Bord. Trotz aller Bemühungen der Besatzung gelang es nicht, eine schwangere Frau wiederzubeleben, die man leblos in einem der überfüllten Boote gefunden hatte. In unmittelbarer Nähe des Bootes trieben acht bis zehn Leichen im Wasser.

Am Sonntag setzte die Iuventa dann einen Notruf ab: Das mit mehr als 300 Menschen – darunter acht schwangeren Frauen – überladene Schiff war manövrierunfähig und nicht mehr in der Lage, Hunderten von Menschen auf weiteren in Seenot geratenen Booten zu Hilfe zu kommen. Es folgten endlose Stunden des Wartens auf Verstärkung, während sich das Wetter zusehends verschlechterte. Nach mehreren Stunden des Bangens kam schließlich Hilfe und „das Schlimmste konnte verhindert werden“, wie Jugend Rettet mitteilte.

Es ist schwer, den Ablauf dieser dramatischen 48 Stunden auf dem Mittelmeer genau nachzuvollziehen, denn die Besatzungen der verschiedenen Rettungsschiffe führten mehrere riskante Einsätze durch und versuchten nach Möglichkeit, ihre Satellitenleitungen für Notrufe aus der Rettungsleitstelle in Rom frei zu halten. Von Bord der Aquarius aus verfolgte unser Team mit großer Sorge den Verlauf der Ereignisse und bekräftigte seine Solidarität mit den NGOs und den Besatzungsmitgliedern, die noch immer im Einsatz waren.

 

Im Frühjahr 2017 bleibt die Zahl der Überfahrten im zentralen Mittelmeer auf einem anhaltend hohen Niveau. Die dramatische Situation, in der sich die Hilfsorganisationen am vergangenen Osterwochenende befanden, ist mehr denn je ein Beweis dafür, dass die Rettungskapazitäten im zentralen Mittelmeer dringend verstärkt werden müssen. Nur auf diese Weise kann der andauernden humanitären Krise, die inzwischen ein beispielloses Ausmaß angenommen hat, begegnet werden.

 

Text: Natalia Lupi

Fotos: Patrick Bar

Übersetzung: Kerstin Elsner und Sonja Finck