Blogbuch#10: Aquarius: eine helfende Hand auf hoher See

Blogbuch#10: Aquarius: eine helfende Hand auf hoher See

Männer, Frauen und Kinder treten an Bord der Aquarius, nachdem sie vom Rettungsteam von SOS MEDITERRANEE gerettet wurden.

Sobald sie auf Deck treten, fangen viele von ihnen aus Erleichterung an zu weinen. Sie umarmen sich und die Retter. Sie sind dankbar, dass sie am Leben sind. Erschöpft von der verzweifelten Reise, die sie hierhergeführt hat, schlafen sie oft direkt ein.

Die meisten erreichen uns ohne jegliche Besitzgegenstände, oft barfuß. Einige tragen Schlappen und ein T-Shirt, andere haben einen Rucksack, sehr wenige tragen einen Koffer. Das ist alles was sie haben, ein kleines Erinnerungsstück an das Leben, das sie hinter sich gelassen haben.

Das Schiff ist eine Brücke zwischen ihrem bisherigen, nun vergangenem Leben, und dem was jetzt noch kommen wird. Es ist der Übergang vom Tod zum Leben.

Sie kommen aus vielen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und Dialekte, fühlen sich mit verschiedenen Kulturen verbunden, aber sie alle haben eines gemeinsam: sie fliehen vor Gewalt, Verfolgung, extremer Armut, Sklaverei, Konflikt. Zuerst aus ihren Herkunftsländern und dann aus Libyen, wo sie einst gehofft hatten, ein besseres Leben zu finden. Alle von ihnen sind dort gelandet, niemand hat jemals die Chance gehabt, zurückzukehren, und alle wurden im Mittelmeer gerettet; der einzige Ausweg aus einem der gefährlichsten Länder der Welt.

Alle sagen, sie hätten keine Wahl. „Libyen war die Hölle. Wir würden lieber über das Meer fliehen in der Hoffnung zu überleben.“ Mit Angst in ihren Knochen beschlossen sie eines Tages, die Reise über das Meer zu wagen.

Tausende von Männern, Frauen und Kindern sind Teil dieser unaufhaltsamen Bewegung. Es ist unmöglich genau zu wissen, wie viele Menschen sich mit einem Gummi- oder Holzboot auf den Weg machen. Genauso unmöglich ist es, genaue Angaben zu den Todesfällen auf See zu machen. Die europäische Politik der verschärften Grenzkontrollen hat nicht die von der EU erhofften Ergebnisse erzielt, Menschen davon abzuhalten, sich weiterhin auf den Weg nach Europa zu machen.

Wie oft werden wir gefragt: „Warum bleiben sie nicht in ihren Ländern?“ „Warum helft ihr ihnen nicht einfach dort zu leben?“ Die Antwort ist einfach, aber leider stößt sie immer wieder auf taube Ohren.

Eine syrische Frau, die während einer der letzten Einsätze gerettet wurde, trug ihre beiden Kinder in ihren Armen. Sie sah mich an und fragte: „Würdest du an einem Ort leben, wo sie deine Kinder für Lösegeld entführen, wo sie sie dir aus deinen Armen entreißen, wo du gezwungen wirst zu arbeiten, ohne bezahlt zu werden, wo Frauen sexueller Gewalt ausgesetzt sind und niemand zur Hilfe kommt, aus Angst, selbst getötet zu werden, wo Mädchen in die Prostitution gezwungen werden, wo sie jemanden auf offener Straße erschießen, nur um ein Paar Schuhe zu bekommen, und wo die Menschen einfach verschwinden und auf unbestimmte Zeit eingesperrt sind, auch ohne zu essen, sag mir, was würdest du an meiner Stelle tun?“

Alles passiert auf einmal in Zeitlupe und dir wird klar, dass du so etwas noch nie erlebt hast, du es dir gar nicht vorstellen geschweige denn verstehen kannst, es ist überwältigend. Das einzige was du tun kannst, ist, dir ihre Geschichten anzuhören. Jedes einzelne Wort schreit Tod, Ungerechtigkeit, Gewalt, Schmerz, Angst, Leid und Tragödie. Und du musst ihnen zuhören, einer nach dem anderen.

Jede Geschichte, die sie mit uns teilen, ist individuell und zugleich kollektiv.

Die Berichte über Schmerzen, die von Menschen ertragen wurden, die die Wüste durchquerten, die Gewalt, die ihnen als Opfer in libyschen Gefangenenlagern widerfährt, und ihre lebensbedrohlichen Reisen über das Mittelmeer, sollten nicht ignoriert werden. Im Gegenteil, sie sollten als Warnung vor unserer eigenen mangelnden Menschlichkeit dienen.

Menschen, denen wir auf der Aquarius begegnen, berichten aus erster Hand von diesen Gräueltaten. Unsere Pflicht ist es, dafür zu sorgen, dass sie nicht umsonst leiden. Deshalb sammelt SOS MEDITERRANEE, neben den unmittelbaren Rettungseinsätzen, die Geschichten der Menschen an Bord, um über ihre Realitäten zu berichten und aufzuklären.

Wenn wir nach einer Rettung Leute an Bord begrüßen, wird ihre Würde ein Stück weit zurückgegeben. Sie werden, zum ersten Mal nach einer langen Zeit, wieder als Menschen gesehen und behandelt, wir stehen ihnen zur Seite. Die Aquarius ist nur ein Übergang, ein Hauch frischer Luft, eine helfende Hand. Sie ist der Anfang eines neuen Lebens.

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Text: Francesca Vallarino Gancia
Fotos: Francesca Vallarino Gancia @ SOS MEDITERRANEE

Editierung: Tiziana Cauli
Übersetzung aus dem Englischen: Lea Main-Klingst