Blogbuch #9: „Meine Ladies passen auch auf mich auf“

Blogbuch #9: „Meine Ladies passen auch auf mich auf“

An Bord der Aquarius habe ich viele sehr beeindrucke Personen kennengelernt. Eine von ihnen ist die 29-jährige Alice, Hebamme bei uns an Bord.  Es ist Alice zweiter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen und „es ist bestimmt nicht das letzte Mal“, wie sie sagt. „Manchmal fühle ich mich wie eine Fitnesstrainerin. ‚Atmen, einfach atmen‘ ist glaube ich der Satz, den eine Hebamme am häufigsten sagt.“

Ihre Arbeit hier an Bord unterscheidet sich sehr von der in einem normalen Krankenhaus. Aber Alice hat bereits Erfahrung darin, sich an unterschiedliche Arbeitsbedingungen anzupassen. Drei Jahre nachdem sie ihr Studium in London abgeschlossen hatte, war sie 2016 mit Ärzte ohne Grenzen im Kongo. Während ihres Studiums hat sie außerdem in Äthiopien gearbeitet. Zwischen der Arbeit in den Londoner Krankenhäusern und im Kongo oder in Äthiopien könnten die Unterschiede kaum größer sein. Auch ihre Erfahrung mit Frauen aus Äthiopien und dem Kongo gearbeitet zu haben, helfen ihr dabei, das Vertrauen der Geretteten zu gewinnen. Auch wenn diese oft nicht länger als ein bis zwei Tage an Bord verbringen.

Alice & Verena
Alice_2

Ich war gern bei Alice im „Shelter“ und während ich sie ein wenig bei ihrer Arbeit unterstützten konnte, haben wir uns lange über die Geretteten und ihren Alltag an Bord unterhalten. Alice hat mir Eindrücke aus ihren ersten drei Wochen als Hebamme an Bord der Aquarius erzählt.

Verena: „Ich würde gern mehr erfahren über die Arbeit einer Hebamme hier an Bord. Wie unterscheidet sich deine Tätigkeit auf einem Schiff, von deiner Arbeit in einem Krankenhaus?“

Alice: „Ich habe in England studiert und dort ist der größte Teil der Ausbildung einer Geburtshelferin auf die Schwangerschaft konzentriert. Aber auf die Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen kann dich keine Ausbildung vorbereiten. Die Aufgaben einer Hebamme werden hier ausgeweitet auf die Gesundheit der Frauen allgemein. Es geht dann nicht mehr nur um die Geburt. Einige der geretteten Frauen kommen hochschwanger zu uns an Bord und waren während der gesamten Schwangerschaft nicht in medizinischer Untersuchung. Aus diesem Grund möchte ich ihnen zeigen, dass ihre Schwangerschaft und ihre ungeborenen Babys besonders sind. Ich möchte den Frauen das Gefühl geben, etwas ganz Besonderes zu sein.“

Alice im Shelter
Alice erklärt ihren Ladies, an wen sie sich wenden können, um über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen.
23.11.16 Migrants sleeping in the crowded womens' shelter onboard the Aquarius

Alice erklärt, dass die Frauen ihr oft schon während der ersten Registrierung an Bord mitteilen, dass sie schwanger sind. Auch, wenn nur die Möglichkeit besteht, macht Alice einen Schwangerschaftstest mit ihnen, um Gewissheit zu haben und den Gesundheitszustand von Mutter und Kind nicht weiter zu gefährden, nach allem, was sie auf der Flucht durchgemacht haben.

Alice nennt die Geretteten oft liebevoll „Meine Ladies.“ In den letzten Tagen, als nach der letzten Rettung 120 Frauen an Bord waren, habe ich Alice nur selten an Deck gesehen. Sie verbringt die meiste Zeit mit „ihren Ladies“ im Schutzraum. Sie beginnt meist früh morgens mit den Untersuchungen und oft kommt sie nicht vor 20:30 Uhr aus der kleinen Klinik.

Verena: „Wie hast du dir die Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen vorgestellt?“

Alice: „Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, was mich erwarten würde, bevor ich hier ankam. Vor ein paar Tagen habe ich 37 Untersuchungen an einem Tag durchgeführt. Am Ende des Tages war ich total k.o. Eine meiner Ladies hat mitbekommen, dass ich vergessen habe das Ergebnis der Blutdruckmessung aufzuschreiben und ich mit dem Gerät zurückkommen musste, um noch einmal zu messen. Da hat sie gesagt: ‚Oh Alice, du bist so müde!‘ Meine Ladies passen eben auch auf mich auf. So wie Jamila* zum Beispiel: Sie hat mich vorhin gefragt, ob ich heute schon etwas gegessen habe, weil sie mich nicht außerhalb der Klinik gesehen hat.“

Verena: „Wie viele von den Schwangerschaftstests, die du bei der letzten Rettung gemacht hast, waren positiv?“

Alice: „Mit 22 von den 120 Frauen an Bord habe ich einen Schwangerschaftstest gemacht, und 20 der Frauen habe ich untersucht, weil sie mir gesagt haben, dass sie schwanger sind. Manchmal erlebe ich während der Untersuchungen auch sehr traurige Situationen. Neulich zum Beispiel, waren zwei Frauen schwanger nach einer Vergewaltigung. Eigentlich frage ich nie danach, vor allem nicht, wenn die Frauen bereits hochschwanger sind, weil wir wissen, dass wir dann keine Abtreibung vornehmen können. Ich habe gar nicht die psychologische Ausbildung, um ihnen zu helfen, mit diesen Erfahrungen umzugehen. 48 Stunden an Bord ist einfach zu kurz, um eine Therapie zu beginnen. Aber ich frage sie immer, ob sie Gewalt erlebt haben. Das Problem ist, dass viele der geretteten Frauen Vergewaltigung nicht mit Gewalt assoziieren. Zum Beispiel hat Jamila mich gebeten einen Schwangerschaftstest mit ihr zu machen, weil sie sich Sorgen machte, sie könne unverheiratet schwanger sein.“

Alice erfährt aus den Gesprächen während der Untersuchungen manchmal die Geschichten der Geretteten und die Gründe für ihre Flucht. Oft erzählen die Frauen, dass ihr Ehemann entführt, gefoltert, umgebracht wurde und sie mittellos zurückblieben und keine andere Wahl hatten, als zu fliehen; manchmal kommt es vor, dass die Leiche des Mannes zurück zu der Frau gebracht wird.

Alice fügt hinzu: „Wenn die Frauen mir erzählen, was ihnen wiederfahren ist, hake ich genauer nach und frage sie, ob sie selbst Opfer von – sexueller – Gewalt geworden sind.

Die Geschichten der Frauen erschüttern Alice oft. Vor ihren Patientinnen jedoch möchte sie ihre eigenen Emotionen verbergen. „Vor ihnen zu weinen wäre sehr unpassend“, erklärt sie. Am nächsten Morgen, wenn Alice die medizinischen Bescheinigungen mit den Angaben der Frauen ausfüllt, und sie allein ist mit den Geschichten ihrer Patientinnen, fällt es ihr oft schwer mit den Zeugnissen von Gewalt umzugehen. In diesen Morgenstunden, lässt sie ihre Betroffenheit zu.

Verena: „Würdest du mir eine der Geschichten von deinen Ladies erzählen?“

Alice: „Die Begegnung mit der 16-jährigen Jamila hat mich sehr berührt. Jamila hat mich gefragt, was mein Name bedeutete. Ich sagte ihr, ich sei einfach nur Alice. Ich habe sie nach der Bedeutung ihres Namens gefragt und sie erklärte mir, dass Jamila „die Schöne“ und „Schönheit“ bedeutet. Jamila, die Schöne… Sie wurde aus Nigeria entführt – das heißt, sie weiß es gar nicht so genau. Sie hat mir erzählt, dass eine nette Dame sie von der Straße aufgelesen hat, wo Jamila bettelte, oder Wasser verkaufte. Die Frau lockte sie mit dem Versprechen, ihr etwas zu essen zu geben in ihr Auto. Jamila war sehr naiv. Sie sind stundenlang Auto gefahren und Jamila hat angefangen sich Sorgen zu machen, weil sie wusste, dass ihre Eltern besorgt sein würden, wenn sie abends nicht nach Hause käme. Sie musste schwören, dass sie ihrer neuen „Tante“ gehorchen würde. Zu dem Zeitpunkt hatte Jamila große Angst. Diese Frau hat sie mit in die Wüste genommen, zusammen mit einer Gruppe Fremder. Bei einem Autounfall sind acht der Reisenden gestorben – unter anderem auch diese Frau, die Jamila entführt hat. Jamila wurde in eines der Gefängnisse in Sabha gebracht. Der nigerianische Gefängniswächter schlug die Menschen dort. Eines Tages kam ein Mann in das Gefängnis und sagte, er wolle Jamila helfen. Er bezahlte Geld für sie und nahm sie mit zu sich nach Hause. Er kaufte sie aus dem Gefängnis. Jamila musste für ihn kochen und putzen, den Haushalt schmeißen. Nach drei Tagen wollte der Mann mit ihr schlafen. Aber sie weigerte sich, weil sie nicht mit ihm verheiratet war. Er drohte ihr, sie zurück in das Gefängnis zu bringen. ‚Also habe ich es getan‘, sagte sie. Ich habe versucht ihr zu erklären, dass er sie nicht dazu zwingen darf, dass das eine Vergewaltigung war. Für die junge Frau bestand das Problem einzig darin, dass sie ihre Periode nach der Vergewaltigung aussetzte und sie nicht dem Mann verheiratet war. Als Jamila dem Mann erzählte, sie befürchtete schwanger zu sein, hat er sie einfach weiterverkauft – an einen arabischen Mann, der sie wieder in ein Gefangenenlager brachte. Jamila blieb etwa zwei Wochen in diesem Lager, bevor man sie irgendwann in der Nacht an den Strand schleppte und in ein Boot setzte. Ich habe sie gefragt, ob sie wusste, wohin das Boot sie bringen würde und sie antwortete: ‚Nein‘. Sie saß in diesem Boot und hatte keine Ahnung, wohin es sie bringen würde und hätte sie gefragt, hätte man sie verprügelt.
Als ich sie nach der Rettung hier an Bord registriert habe, erwähnte sie, dass sie vielleicht schwanger sei. Also habe ich einen Schwangerschaftstest mit ihr gemacht – und der war positiv. Das war der einzige Moment, in dem Jamila einen Anflug von Verzweiflung zeigte. Während sie mir ihre Geschichte erzählte, schien sie wie in Trance zu sein. Sie war besorgt, weil sie schwanger aber nicht verheiratet war. Die Frauen in ihrem Dorf, die schwanger wurden, waren immer verheiratet. Ich habe ihr gesagt, dass sie das Kind nicht behalten müsse. Sie antwortete mir, dass sie es nicht möchte, weil sie eines Tages ein Kind mit ihrem Mann bekommen möchte. Ich erklärte ihr immer wieder, dass Männer sie nicht zum Sex zwingen durften. Sie erwiderte, dass sie einfach nur nicht wieder zurück in das Gefängnis wollte, zurück nach Sabha. Sie ist vermutlich auch Opfer von Menschenhandel geworden und wurde vielleicht mehr als einmal vergewaltigt. Das alles war total surreal für sie. Die Geschichte von Jamila ist eine der schlimmsten Geschichten, die mir erzählt wurden.“

Verena: „Weißt du, was mit den geretteten Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden, passiert, wenn sie an Land kommen? Was passiert mit den Frauen, die Gewalt erlebt haben?“

Alice: „Ich weiß es nicht. Beim letzten Mal wurde eine Klinik nur für Frauen in einem Militärzelt im Hafen von Salerno aufgebaut.“

Wir unterhalten uns über den Alltag im Schutzraum und Alice erzählt: „Manchmal herrscht hier ein absolutes Chaos! Wenn ich die Spielsachen für die Kinder herausgebe und es im Shelter sowieso schon voll ist, frage ich mich immer, wie ich das anstellen soll, ohne dass ein riesen Durcheinander entsteht.“

Wenn sie zwischen zwei Untersuchungen eine kurze Pause hat, setzt sich Alice oft zu den Müttern, unterhält sich mit ihren Schützlingen und spielt mit den Kindern. „Neulich, als ich aus der Klinik nach vorne in den Shelter kam, haben mich die Frauen gefragt, ob sie Reis und Hühnchen haben könnten. Ich habe scherzhaft zu ihnen gesagt: ‚Klar, wenn ihr mir sagt, wie ich für über 1000 Menschen kochen soll, dann machen wir das zusammen!‘ und wir haben gemeinsam darüber gelacht. Ein anderes Mal, als im Shelter schon kaum mehr Platz war, fragten mich einige Frauen, ob wir auf dem Weg nach Italien seien. Ich erklärte ihnen, dass wir zuerst noch andere Menschen aus Schlauchbooten retten werden. Die Frauen haben sich verwundert angeschaut und sagten, dass doch gar kein Platz mehr im Shelter sei. Ich erwiderte, dass wir dann eben zusammenrücken und den Neuankömmlingen Platz machen müssten. Als sie weiter darauf pochten, dass der Platz nicht reiche, fragte ich sie, ob wir die Menschen dann einfach im Wasser lassen sollen. Die Frauen haben mich angesehen und gesagt: ‚Nein, natürlich nicht! Das wollen wir auf keinen Fall, Alice!‘ ‚Also‘, sagte ich, ‚dann lasst uns Platz für sie schaffen.‘“

Oft wird vergessen, dass auch die geretteten Frauen Fremde füreinander sind und ich frage Alice, wie sie sich fühlen, auf so engem Raum zusammen im Shelter. Sie erklärt mir, dass die Zustände an Bord zwar nicht ideal aber definitiv viel besser sind, als in den Lagern in Libyen. Immerhin haben hier alle eine Decke – hier sind sie sicher.

28.06.2017 One of the youngest currently residing onboard the Aquarius
28.06.2017 Einer der jüngsten Geretteten an Bord.
Wenn Alice Zeit hat, setzt sie sich zu den Müttern und ihren Kindern. Die Kleinen haben beschlossen, sich auch um ihre Frisur zu kümmern.
Wenn Alice Zeit hat, setzt sie sich zu den Müttern und ihren Kindern. Die Kleinen haben beschlossen, sich auch um ihre Frisur zu kümmern.

Verena: „Alice, woher nimmst du deine Energie?“

Alice: „Ich habe ein großartiges Team! Es ist das beste Team, das ich mir wünschen könnte. Das Team an Bord leistet außergewöhnliche Arbeit, ich bin hier von unglaublich tollen Menschen umgeben! Daraus schöpfe ich meine Kraft. Abends, wenn ich nach einem langen Tag mit Tränen in den Augen runterkomme, reden mir meine Kolleg*innen gut zu und sagen mir, dass es okay ist, die Emotionen zu zulassen, dass wir alle manchmal weinen. Und dann zeigen sie mir ein albernes Video und bringen mich zum Lachen. Mein Team ist immer da, wenn ich es brauche. Sie sind wirklich großartig! Einfach die Besten! Daraus ziehe ich viel Energie.“

Nach zwei Tagen an Bord, nimmt Alice Abschied von „ihren Ladies.“ Beim Verlassen des Schiffs sind die Geretteten ausgestattet mit einer medizinischen Akte und den Ergebnissen der Untersuchungen. Alice hofft, dass ihre Arbeit den Frauen helfen wird, Asyl zu erhalten. Trotz der großen Anzahl, die seit der letzten Rettung mit uns an Bord waren, kennt Alice die Namen jeder Einzelnen. Für die junge Hebamme ist eines der wichtigsten Ziele unserer Arbeit, die Geretteten würdevoll zu behandeln, nachdem ihre Würde oft monatelang mit Füßen getreten wurde. Einen Menschen mit seinem Namen anzusprechen, ist definitiv ein erster und wichtiger Schritt, seine Würde zu respektieren. „Es gibt ihnen das Gefühl, besonders zu sein – und das ist jeder Einzelne von ihnen! Sie sind unglaublich besonders und sie haben so viel Entsetzliches durchgemacht.“

Alice wird bis August an Bord der Aquarius bleiben. Sie hat mir versprochen, mich in Berlin zu besuchen und ich freue mich jetzt schon darauf, sie hier willkommen zu heißen!

30.06.2017 Alice, MSF-midwife, has opened the womens’ shelter onboard the Aquarius to men due to disembarkment delay
Team

*Name geändert

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Während ihres Aufenthalts an Bord im Mai hatte sie die Gelegenheit dieses Interview mit Alice zu führen. 

Fotos: Kenny Karpov, Susanne Friedel, Alice Gautreau