Blogbuch #8: Rückkehr

Blogbuch #8: Rückkehr

Wie sehr sich die Aquarius verändert hat. Vor genau eineinhalb Jahren habe ich sie das erste Mal gesehen. Im eisigen Januar-Nieselregen in Saßnitz auf Rügen. Ein robustes Schiff, funktional unwirtlich.

Der Raum, der heute das sogenannte „Shelter“ ist – ein Rückzugs- und Schutzort für die geretteten Frauen und Kinder.

Damals war der Raum noch kahl, blaues Linoleum, graue Serverschränke und meterlange Tische aus der vorherigen Verwendung der Aquarius als Forschungsschiff. Dass sich dieser Ort mit Leben füllen könnte, dass hier Menschen ihre Geschichten erzählen, Kinder unbekümmert herumkrabbeln sollten, war für mich damals unvorstellbar.

@ SOS MEDITERRANEE_Susanne Friedel
@ SOS MEDITERRANEE
Shelter_6

Heute, anderthalb Jahre später, sitze ich im Shelter, auf meinen Knien spielen zwei kleine Kinder. Um mich herum schlafen Frauen aus Äthiopien, aus Mali, der Elfenbeinküste und Marokko. An den Wänden hängen Zeichnungen von Kindern. Sie zeigen die Aquarius, das Meer, sinkende Boote, spielende Kinder. Es sind Andenken an fast 300 Kinder, die bisher auf dem blauen Linoleumboden der Aquarius herumgekrabbelt sind.

Neben den bunten Kinderbildern hängen kleine weiße Zettel. Auf Englisch, Französisch und Arabisch erklären sie, dass Frauen, die auf ihrer Flucht Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, sich an unsere Teams wenden können. Daneben die Notfallnummer der IOM für Opfer von Menschenhandel.

@ SOS MEDITERRANEE_Susanne Friedel
@ SOS MEDITERRANEE_ Susanne Friedel
Shelter_7

Die Menschen an Bord haben die Aquarius geprägt. Innerhalb der letzten anderthalb Jahre haben wir über 20.000 Menschen an Bord willkommen geheißen. Auf dem weißen Stahl an Deck und überall, wo sich sonst noch Platz finden ließ, haben Menschen geschlafen, sich erholt.

Sie haben die Aquarius, diesen funktionalen Ort, mit Leben gefüllt. Manchmal mit Trauer. Zum Beispiel an dem Tag, als wir 21 junge Frauen und einen Mann tot aus einem Schlauchboot bergen mussten. Oder als unser medizinisches Team von MSF vergeblich versucht hat, eine junge Frau an Deck wiederzubeleben. Und ihre Freundin, mit der sie zusammen gereist war, vor Schmerz zu schreien anfing. Die Trauer hing damals über der Aquarius wie ein Schleier. Meistens herrscht hier aber eine Hoffnung, der sich kaum jemand entziehen kann. Hoffnung auf das, was kommt.

Auf den ersten Blick ist die Aquarius für die meisten vielleicht immer noch ein herkömmliches Schiff: Kahl, funktional, ungemütlich. Beim genaueren Hinsehen kann man in den Ecken und Winkeln der alten Dame aber die Geschichten der Menschen entdecken, die hier seit anderthalb Jahren arbeiten. Und die Geschichten der Menschen, die wir seit anderthalb Jahren an Bord willkommen heißen. Ansatzweise kann man erahnen, was es heißt, über das Mittelmeer zu kommen. Im Shelter verraten die Bilder und an Deck die Babyschwimmwesten, dass Eltern die gefährliche Überfahrt mit ihren Kindern, teilweise Babies wagen.

23.06.2017 Onboard the Aquarius. A little girl rescued with her mother is happy about her new shoes
15.11.16 The drawing of a 12-years old girl that survived the dramatic rescue of a rubber boat by the SOS MEDITERRANEE SAR-Team where people jumped into the water and drowned inside the rubber boat
25.06.2017 Migrants onboard the Aquarius early morning

Die Aufklärungsschilder im Shelter verraten, dass Frauen auf der Flucht häufig Opfer sexualisierter Gewalt werden. Der Notfallkoffer und der Defibrilator in der Klinik, dass wir uns in einer Krisensituation befinden. Dass im Mittelmeer Menschen sterben. Dass manche von ihnen hier an Bord ums Überleben kämpfen. Dass manche es geschafft haben. Andere haben den Kampf verloren.

Nach einem langen Tag, nach Essensausgabe, Wache im Shelter, Wache auf der Brücke, Teeausgabe und wieder Nachtwache schlafe ich gegen Morgengrauen in meiner Kabine ein. Unter meinem Fenster höre ich das Gemurmel der Geretteten, die an Deck Schlaf suchen. In diesem Moment fühle ich mich nirgends so sicher wie auf der Aquarius.

***

Jana arbeitet in der Pressestelle von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Seit Mitte Juni ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.