Blogbuch #7: Ist das deine Grenze, Europa?

Blogbuch #7: Ist das deine Grenze, Europa?

Die Aquarius ist im Trockendock. Nach über einem Jahr Einsatz ohne Pause stehen einige Reparaturen und Checks an.

Zwei Wochen ist es jetzt her, dass wir nach zweieinhalb Tagen gemeinsamer Reise mit über 1004 Geretteten in Salerno in Italien angekommen sind. Nachdem alle Geretteten von Bord gegangen waren, haben wir unzählige Müllsäcke von Bord getragen, das Schiff geschrubbt und das getan, wofür tagelang keine Zeit war: unsere Wäsche gewaschen, geschlafen und die Rettung, sowie die Tage mit den Geflüchteten nachbesprochen.

Und ich frage mich, was werden wird. Wir haben gerade einen Einsatz hinter uns, bei dem die libysche Küstenwache auf unprofessionelle und gefährliche Art zugegen war. Wir haben mehr Menschen retten müssen, als je zuvor, da dort, wo die meisten Rettungskapazitäten vorhanden sein sollten, die wenigsten vorhanden sind. Wir beobachten, dass die Schiffe der Europäischen Union immer weniger an Rettungseinsätzen teilnehmen und die zivilen Organisationen wie wir in immer längeren Einsätzen immer mehr Menschen retten. Menschen, welche die Europäische Union spätestens seit dem Gipfel in Malta Anfang des Jahres in Libyen offiziell davon abhalten will, nach Europa zu kommen. Wir finanzieren uns aus Spenden der Zivilgesellschaft während die Europäische Union mit Millionen den Aufbau der libyschen Küstenwache unterstützt. Sie soll die Flüchtenden abfangen und zurück in die Aufnahmelager in Libyen bringen. Die EU finanziert eine Küstenwache, die bei unserer letzten Rettung maskiert um sich geschossen hat und ein Holzboot zurück in libysche Gewässer geschleppt hat. Die Menschen sollen ja nicht nach Europa. Dafür bezahlt die Europäische Union diese Küstenwache, als Türsteher. Sie bezahlt einen Staat, den es nicht gibt, sie finanziert eine Küstenwache, die von Milizen geführt wird.  Denn in Libyen gibt es zwar eine „Regierung der Nationalen Einheit“, auf die sich die EU beruft; allerdings wird diese Regierung nicht anerkannt, wurde nie gewählt. Stattdessen regieren Milizengruppen und die Terrororganisation Islamischer Staat.

Die Menschen, die sie in dem Holzboot zurück nach Libyen schleppen, sind zwar nicht ertrunken, aber sie kommen mit großer Wahrscheinlichkeit zurück in genau die Lager, aus denen sie geflohen sind. Offiziell werden sie in spezielle Lager der UN-gestützten Einheitsregierung gebracht, wie sie das Malta Abkommen für ganz Libyen plant. In diesen Lagern haben die Menschen nicht einmal Platz zum Liegen, es gibt keine sanitären Anlagen, die Menschen sind zusammengepfercht wie Tiere in ihren eigenen Fäkalien. Frauen werden vergewaltigt, die Gefangenen unter unwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen, da sie ohne Geld mittellos sind, aus den Lagern zu entkommen.

Die, die da zurückgebracht werden, werden einen neuen Anlauf nehmen, denn in Libyen kann man nicht bleiben. Immer wieder hören wir, dass die Menschen lieber sterben wollen, als dort zu bleiben. Sie werden wieder probieren mit ungeeigneten Booten über das Mittelmeer zu fliehen. Ich habe mit Geretteten gesprochen, die es drei-, vier-, fünfmal probiert haben, bis sie es geschafft haben aus einem der Lager herauszukommen. Wir müssen uns diese Orte vorstellen, weil die Geretteten uns davon erzählen. Ich versuche sie mir vorzustellen, aber ich kann es nicht. Wir sagen so oft, dass etwas unvorstellbar ist. In diesem Fall ist es so. Und zwischen dem vorstellbaren Europa und dem unvorstellbaren Libyen liegt das Mittelmeer. Dass es einfach nur Glück oder schlicht eine gegebene Tatsache ist, dass wir auf der einen Seite geboren wurden und uns das lange nicht zu besseren Menschen macht, scheint für viele ein ganz entfernter Gedanke zu sein. Und je schlechter es den Menschen dort geht, in diesen Lagern in Libyen, desto besser ist die Verhandlungsposition der Milizen gegenüber der EU. Es ist zynisch.

Auch Iam aus Gambia ist vier Mal aus einem libyschen Lager geflogen, bevor er es auf ein Schlauchboot schaffte. Er ist 17 und allein unterwegs. Mit 17 habe ich meinen Führerschein gemacht, Löcher in meine Jeans geschnitten und über die nächste Party nachgedacht. Iam ist mit 17 alleine auf der Aquarius. Er fiel mir am Tag der Rettung auf, als ich am oberen Deck an der Treppe stand und bei den noch laufenden Rettungen darauf achten sollte, dass nicht zu viele Menschen unkontrolliert zu den Toiletten laufen. Iam half mir dabei, indem er den anderen erklärte, wo sich auch am oberen Deck Pissoirs befinden und dass man besser rückwärst als vorwärts die Treppe runtergeht

Mit einem Lächeln, die Arme verschränkt und mit dem Handtuch, das sich im Rescue kit befindet, um seinen Kopf gebunden. Unter den 1004 Geretteten ist er einer derjenigen, der mir im Kopf geblieben ist. Ich freute mich, als ich ihn am nächsten Tag bei der Essensausgabe traf. Er fragte mich, ob ich schon gegessen hätte. Die Frage rührte mich und ich fand sie seltsam. Aber wieso? Vielleicht, weil dieser Ort, die Aquarius, ein Ort ist, wo wir diejenigen sind, die sich um die anderen kümmern, nicht andersherum. Dabei hatte Iam recht. Denn hätte er die Dinge zur Verfügung, die wir zur Verfügung hatten, wäre er natürlich in der Lage für sich selbst zu sorgen. Er hatte aber nur das, was er am Leib trug plus die Dinge, die sich in den rescue kits befinden, die wir verteilen. Dennoch sind diese Menschen, Menschen wie Iam, alles andere als hilflose Kreaturen. Sie brauchen in diesen Momenten unsere Hilfe, aber sie sind Menschen mit Urteilskraft und nicht weniger klug, als wir es sind. Wir Europäer.

Ich fragte ihn, ob er mir am Abend, wenn wir mit der Arbeit fertig sind, ein wenig von sich erzählen würde und er sagte ja.

Ich bat ihn, mich an Deck aufzusuchen, was er tat. Am Abend stand er in seinem blauen Jogginganzug und seinem Handtuch um den Kopf plötzlich vor mir. Eine stille Ecke findet man nicht auf dem Schiff, also setzen wir uns einfach neben eine Gruppe, die Karten spielte. Er erzählte mir, dass sein Vater tot sei. Seine Mutter und seine drei jüngeren Geschwister leben in Gambia.  Ein Freund habe ihm erzählt, dass man in Libyen Geld verdienen könne, weshalb er sich auf den Weg dorthin gemacht habe. Dort traf er auf einen Mann, dessen Haus er streichen und der Lohn dafür ausgezahlt werden sollte, sobald er damit fertig sei. Das Haus wurde fertig, den Lohn dafür hat er nie gesehen. So schlug er sich durch mit weiteren Jobs, vier Monate hat er insgesamt in Libyen verbracht, drei davon in einem der Lager. In die wird man als schwarzer Mensch in Libyen willkürlich gebracht. Auch das kann man sich nicht vorstellen. Das Ausmaß an Willkür in Libyen. Einfach so. Iam fragte mich viel. Irgendwann hatte ich das Gefühl, er möchte lieber zuhören als erzählen. Und ich erzählte ihm. Über Berlin, über die Aquarius, über meine Familie und Freunde. Irgendwann war es spät und die Geretteten begannen sich in ihre Decken zu wickeln. Auch Iam musste einen Schlafplatz für die Nacht suchen. Alles tat er mit einem Lächeln. Wo er das hernahm, wusste ich nicht. Am nächsten Tag sollte er mit den anderen von Bord gehen.

Ich habe, als ich ihm die Hand zum Abschied schüttelte, Unsicherheit in seinen Augen gesehen.Wer sollte unsicherer sein als diejenigen, die mit Nichts europäischen Boden betreten!?  Als diejenigen, die die Hölle in Libyen gesehen haben!?  Und wir fragen uns, wohin mit diesen Menschen wie Iam?

Wieso fragen wir uns nicht, wieso es keine Empörung mehr darüber gibt, was sich vor den Grenzen Europas, in Libyen, mitverursacht und finanziert durch die Europäische Union, abspielt?

Wir reden von Europa. Das, was die Europäische Union hier tut, ist nicht mein Europa. Mein und das Europa von SOS MEDITERRANEE ist ein Europa, das seine humanitären Grundwerte in die Tat umsetzt. Es ist ein Europa, das Menschen wie Iam die Hand reicht. Was auch immer das an Herausforderungen für unsere Gesellschaft bedeutet.

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

Fotos: Kenny Karpov