Blogbuch #6: All hands on deck

Blogbuch #6: All hands on deck

Auf diesem Schiff sind nun seit zwei Tagen 1004 Menschen. 1004 sehr geduldige, freundliche Menschen, die irgendwie einen Platz auf diesem Schiff gefunden haben.

1004 Menschen heißt für uns über 3000 Essenrationen auszugeben, mit vier Toiletten klar zu kommen und jeden irgendwie zu versorgen. Die Logistik wird bei der Essensausgabe nochmal komplizierter. Bis die letzte Person ihr „Adventure Food“ bekommen hat (und der Erste schon wieder Hunger hat) dauert es sechs Stunden. So lange müssen wir alle in Schach halten und das komplette Team ist im Einsatz. Wasser kochen, Adventure Food anrühren, Tüten schließen, Löffel dazu. 1004 Mal. Die Menschen sind eigentlich sehr geduldig. Man muss ihnen nur irgendwie begreiflich machen, dass jeder etwas bekommt. In den Lagern in Libyen, in die sie meistens gesperrt wurden, kämpft man um Essen. Mir erzählen mehrere Geflüchtete, dass es dort nicht mehr als ein Stück Brot am Tag gibt. Oder einen großen Topf Reis, um den man sich dann streitet.

Die erste Nacht ist windig. Jeder muss einen Platz zum Schlafen finden. Die Menschen wickeln sich in ihre bunten Decken und liegen eng aneinander gedrückt schlicht überall. Sie haben sich die Decken weit über den Kopf gezogen, man kann nur erahnen, wo der Kopf ist und wo die Füße sind. Während unserer „Deckwatches“ ist es kaum möglich von der einen Seite des Schiffes auf die andere zu gelangen, ohne auf jemanden drauf zu treten. Auch der „Women-Shelter“ ist voll, über 100 Frauen und Kleinkinder schlafen dort. Manchmal muss man draußen jemanden aufwecken, weil er sich eine Stelle gesucht hat, in der er aus Sicherheitsgründen nicht schlafen sollte. In einem unserer Rettungsboot zum Beispiel. Ich wecke den einen oder anderen auf und bitte ihn, sich einen anderen Schlafplatz suchen, was mir wahnsinnig leidtut. Schließlich gibt es diesen alternativen Schlafplatz ja eigentlich gar nicht. Aber auch dann nehmen die Männer einfach ihre Decke, freundlich, ohne Murren und legen sich woanders hin. Sie sind viel Schlimmeres gewöhnt. In den Lagern in Libyen ist oft nicht einmal Platz zum Sitzen, geschweige denn zum Liegen. Die Aquarius ist für diese Menschen ein guter Ort. Anfangs sind sie schüchtern und zurückhaltend. Sie sind es nicht gewöhnt, dass man ihnen Gutes will, dass man freundlich ist, dass man sich um sie kümmert. Dann fangen sie an, sich ständig zu bedanken.

Ich treffe auf Sarin, aus Nigeria. Sie möchte lieber draußen als drinnen bei den anderen Frauen schlafen. Sie ist 22 Jahre und „reist“ alleine. Sie kennt niemanden auf diesem Schiff und sieht unglaublich traurig aus. Als sie merkt, dass ich freundlich bin und ihr helfen will, huscht ihr ein Lächeln über das Gesicht. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass die Menschen so dankbar über Freundlichkeit sind. In Libyen, dort, wo alle eine Zeit verbracht haben, auch Sarin, gibt es ausnahmslos keine Freundlichkeit gegenüber Schwarzen. „They don´t like black people in Libya,“ ist ein Satz, den ich den letzten Tagen immer wieder gehört habe. Nicht, dass diese Information für uns neu ist. Aber wenn man dann vor jemandem wie Sarin steht, fühlt sich dieser Satz plötzlich ganz anders an. Gemeinsam gehen wir in den Shelter und sie legt sich still in die kleine Lücke auf dem Boden, die wir ihr zwischen den anderen Frauen schaffen konnten.

Als ich nach meiner Nachtschicht in mein Kabinenbett krieche bin ich dankbar. Ich muss nicht auf dem Boden draußen im Wind schlafen.  Dort habe ich mit Craig fünfzig Geflüchtete im Wind in sogenannte Thermik-Decken gewickelt; diese silber-goldenen Folien, die warmhalten und knistern. Am nächsten Tag hat der ein oder andere sich daraus einen kunstvollen Turban gewickelt, der gegen die Sonne schützt, die am nächsten Tag auf die Aquarius und ihre Menschen herunterbrennt. Sie basteln sich Sonnensegel aus ihren Decken und fragen, wann wir in Italien ankommen.

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

Fotos: Kenny Karpov