Blogbuch #5: Verkehrte Welt

Blogbuch #5: Verkehrte Welt

Vorbei war es plötzlich mit der kleinen Pause. Zurück im Rettungsgebiet in internationalen Gewässern konnten wir gerade noch unsere morgendliche Besprechung abhalten und den Tagesplan besprechen, um ihn wenige Minuten später wieder über den Haufen zu werfen. Mathias und Marcella wurden auf die Brücke gerufen: Zwischen 8 und 12 „targets“ in 1,5 Stunden Entfernung. Ein oder zwei Tage mehr Pause vor dem, was uns erwarten sollte, hätten wir gut gebrauchen können.

 

Etwas über eine Stunde später treffen wir im Einsatzgebiet auf die Rettungsschiffe von „Jugend Rettet“, die Iuventa, und die Vos Hestia von „Save the Children“ – sowie einige Schlauchboote und kleine Holzboote in Sichtweite. Es ist ein ziemlich unwirkliches Bild. Wir stehen im Austausch mit dem MRCC, der offiziellen Seenotrettungsstelle in Rom, sowie den anderen Organisationen. Wer übernimmt welches Boot? Wer ist „On-scene Commander“, was so viel wie die Einsatzleitung vor Ort ist. Ich selbst habe überhaupt keinen Überblick, unser SAR-Team schon. Dann beginnt ein Marathon, der immer noch anhält.

 

Mathias bleibt auf der Brücke für den Überblick. Er steht mit Max, seinem Stellvertreter, der wiederum den Einsatz mit unseren beiden Rettungsbooten leitet, in ständigem Funkkontakt. Es gibt Absprachen mit den anderen Organisationen. Welches Schlauchboot muss zuerst versorgt werden, weil es vielleicht schon sinkt? Wo sind die Menschen in Panik und brauchen zuerst Rettungswesten? Wir bekommen die Anweisung, unsere Rettungsmittel zu Wasser zu lassen: zwei Rettungsbananen, lange aufblasbare Luftkammern, an denen sich die Menschen im Wasser festhalten können. Zwei stabile Gummiboote. Beides werfen wir über Bord, damit unsere Rettungsboote sie mit sich dorthin ziehen können, wo sie gebraucht werden. An einem bestimmten Zeitpunkt sehe ich nur noch Boote, Menschen mit und ohne Rettungswesten, in unseren Gummi-oder Rettungsbooten untergebracht, auf Schlauch- oder einem der beiden Holzboote. Dann darf ich auf eines unserer Rettungsboote, auf den Platz, auf dem normalerweise die Journalist*innen mitdürfen. Die drei italienischen Journalist*innen, die wir gerade an Bord haben, sind überwältigt, als wir die Menschen und vor allem die kleinen, jungen Menschen durchnässt an Bord willkommen heißen. Teils mit Tränen in den Augen hat von ihnen am Ende des Tages keiner mehr eine Kamera in der Hand. Sie haben gelernt die Rettungswesten richtig zusammenzufalten, händigen „rescue kits“ aus und helfen wo sie können.

 

Ich steige in unser Rettungsboot, das zu einem überbesetzten Schlauchboot, auf dem die Insassen noch keine Rettungswesten haben, fahren wird. Es ist spannend zu sehen, wie Max die Menschen ruhig hält. Unser Boot nimmt wieder Abstand, wenn die Leute zu panisch werden um ihnen zu zeigen, dass wir so nicht weiterkommen. Max gibt Anweisungen, dass die Rettungswesten durchgegeben werden sollen. In Windeseile sind alle versorgt; Frauen werden zuerst rausgezogen. Sie rücken zu mir auf und plötzlich mischt sich in die Funkgeräusche der WalkieTtalkies der Gesang und das Weinen der Frauen, die vor wenigen Minuten vielleicht noch dachten, dass sie ertrinken werden. Denn trotz der zahlreichen Einsätze von zivilen Seenotretter*innen ist das immer wieder trauriger Alltag: von Kolleg*innen haben wir erfahren, dass am heutigen Tag über 30 Menschen dort ertrunken sind, wo wir gestern noch mit der Aquarius im Einsatz waren. Eine unwirkliche Vorstellung.

 

Und dann taucht die libysche Küstenwache auf, die in internationalen Gewässern in den vergangenen Wochen mehr und mehr Präsenz zeigt während der Rettungseinsätze von zivilen Organisationen wie der unseren. Sie rast in Richtung eines der Schlauchboote auf dem noch Geflüchtete mit Rettungswesten sind. Man hört Schüsse, die Männer auf dem libyschen Patroullienboot tragen teils Masken und sind sichtbar bewaffnet. Wir auf der Aquarius sollen uns an Deck ducken und ich frage mich in dem Moment, was das für eine verkehrte Welt ist, in der wir hier leben. Wir sollen uns in Sicherheit bringen, weil wir Menschen das Leben retten? Diese Cowboys finanziert also die EU, um ihre Grenzen zu schützen… Zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits Gerettete an Bord. Kurz zuvor hatten wir unseren kleinsten Geflüchteten an Bord genommen, gerade einmal zwei Wochen alt, unter der Rettungsweste kaum sichtbar. Als die Schüsse verhallen und die libysche Küstenwache außer Sichtweite ist, wird die Situation kurz unübersichtlich und ich sehe plötzlich nur dutzende Menschen in Rettungswesten im Wasser um ihr Leben schwimmen. Alle überleben. Unser Team schafft es, alle aus dem Wasser in die Rettungsboote zu hieven, einige von Ihnen kommen direkt zur Aquarius geschwommen und wir ziehen sie mit vereinten Kräften einige Meter aus dem Wasser hoch auf die Aquarius. Pitschnass, unter Schock.

 

Nach 10 Stunden ist unser Einsatz auf See beendet. Unser Rettungsteam war 10 Stunden auf dem Wasser, ohne Pause. Kein einziges „rescue kit“ ist mehr übrig. Kurz vor Mitternacht haben wir einen Überblick: 1004 Menschen sind an diesem Tag von unserem Team gerettet worden und sind nun mit uns an Bord. Ein trauriger Rekord. Bis Freitagmittag werden wir hier zusammenbleiben. Wir fahren weit in den Norden, die Häfen in Sizilien sind aufgrund des G7-Gipfels geschlossen. Es scheint nirgendwo Platz zu sein für das, was sich auf dem zentralen Mittelmeer abspielt.

 

***

Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

Fotos: Kenny Karpov