Blogbuch #4: Abschied(e)

Blogbuch #4: Abschied(e)

Die Aquarius ist wieder auf dem Weg zurück ins Rettungsgebiet. Als wäre nie etwas gewesen. Die Vorräte an rescue kits und medizinischem Material sind aufgefüllt, der Müll von Bord gebracht, die Decks an Bord gesäubert. Samstag sind die 560 Menschen, die wir zwei Tage zuvor gerettet hatten, in Vibo Valentia in Italien von Bord gegangen. Zwischen ihrer Rettung und der Ankunft in Italien liegen kaum 48 Stunden. Das ist nicht viel und doch genug, um mit vielen von ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Kinder kennen einen irgendwann und wissen, dass man diejenige mit dem Haferbrei ist. Trotzdem hatte ich bis zum Ende das Gefühl, dass ich mir nur wenige Gesichter, geschweige denn Namen merken konnte.

Eine sogenannte „Disembarkation“ ist eine logistische Meisterleistung. Es soll kein Gedränge geben, jede*r muss einzeln von Bord gehen für die Registrierung der Behörden an Land. Gleichzeitig befinden sich die Geretteten in einem Zustand aus Unruhe und Ungewissheit, haben sie doch keine Ahnung, was an Land auf sie zukommen wird. Und man selbst kann auch nur in geringem Maße für Aufklärung sorgen.

Gegen 13 Uhr lief die Aquarius am Samstag in Vibo Valencia ein und wurde dort vom Roten Kreuz und anderen Organisationen wie Save the Children, der Polizei und zahlreichen Journalist*innen empfangen. Je nach Hafen sind die Behörden besser oder schlechter organisiert, davon hängt auch ab, wie schnell die Menschen von Bord gehen können. Dieses Mal dauerte es sieben Stunden.

Um die Disembarkation von unserer Seite möglichst gut zu organisieren, werden die Geretteten in Gruppen an Bord aufgeteilt. Alle mit einem gelben Bändchen müssen sich auf dem oberen Deck zusammenfinden, das sind die unbegleiteten Minderjährigen. 67 junge Menschen unter 18 hatten wir dieses Mal an Bord, die komplett ohne Begleitung unterwegs waren. Kinder eigentlich, die wenigstens unter besonderem Schutz stehen, wenn sie in Italien ankommen. Diejenigen mit blauem Bändchen, was heißt, dass die Menschen Krätze haben, finden sich am unteren Deck zusammen. Blaues Bändchen „überbietet“ gelbes Bändchen, d.h. die unbegleitete Minderjährigen auch mit blauem Bändchen gehen zu dieser Gruppe. Die Menschen mit rotem Bändchen bleiben ebenfalls zusammen. Zugleich werden die Frauen aus dem „Shelter“ wieder mit ihren Männern zusammengebracht. Frauen finden ihre Männer, nicht umgekehrt. Familien werden zusammengebracht, Patient*innen mit schlimmeren Erkrankungen bilden eine weitere Kategorie, so auch schwangere Frauen und all diejenigen Frauen, die nachweisbar sexuelle Gewalt erfahren haben. In der Regel wenden sich diese Frauen, an Alice, unsere Hebamme, oder aber auch an Francesca, die an Bord Testimonies sammelt. Anschließende medizinische Untersuchungen haben dies Geschichten bestätigt.

Zuerst werden die Patient*innen von Bord gebracht. Ein Patient, der die Tage in unserer Klinik verbracht hat, wird mit Trage als Erster von Bord gehen. Gefolgt von Schwangeren und Familien. Dann stehen die übrigen Frauen mit Alice bereit. Es fällt Alice sichtbar schwer, „ihre Ladies“ gehen zu lassen. Jede nimmt sie zum Abschied in den Arm. „Bonne chance“, „good luck“, einige von ihnen haben Tränen in den Augen. Alle tragen den gleichen Jogginganzug in rot und blau, den sie in ihrem rescue kit hatten. Viele davon haben einen Nachweis in der Hand – es ist die medizinische Bescheinigung, dass sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

Gruppe für Gruppe gehen alle von Bord. Die letzte Gruppe verlässt gegen halb sieben das Schiff. Die letzten, die an Land in neue Badelatschen schlüpfen, die letzten, von denen die Behörden im Hafen Fingerabdrücke nehmen, die befragt werden, wo sie herkommen und die dann in Busse steigen, um in einen der genannten „Hot spot“, eine Erstaufnahmeeinrichtungen gebracht zu werden.  Eine Ausnahme bilden die Marokkaner. Sie bekommen ein Schreiben, in dem steht, dass sie innerhalb von sieben Tagen das Land verlassen müssen. Auf eigene Kosten. Unser Team trifft diese Menschen dann manchmal noch am Abend oder nächsten Tag in Nähe des Hafens. Mit dem wenigen, was sie am Leib tragen und ihrem Schreiben in der Hand. Und man kann nichts mehr für sie tun.

Neben den 560 Menschen, die wir an diesem Tag in eine ungewisse Zukunft in Italien und Europa verabschieden, geht auch Connor von Bord. Connor war drei Monate an Bord der Aquarius, als Arzt für Ärzte ohne Grenzen. Eine Frohnatur aus den USA, der immer ein warmes Wort auf den Lippen und ein herzliches Lächeln im Gesicht hatte. Am Nachmittag geht er die Gangway runter und wird mit großem Applaus vom Team verabschiedet. Ein bisschen Gänsehaut habe ich in diesem Moment. Am Abend schreibt er eine Nachricht an das ganze Team: „Best of luck for the future guys, you are an incredible team“. Connor hat die Aquarius verlassen. Für ihn übernimmt Craig.

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

 

 

Fotos: Kenny Karpov, Autorin