Blogbuch #3: „Schlauchboot in einer halben Stunde“

Blogbuch #3: „Schlauchboot in einer halben Stunde“

6.30 Uhr Donnerstagmorgen: Max, der stellvertretende Einsatzleiter klopft an die Kabinentür, „wake up please, rubber boad in about half an hour“. Das ist sie jetzt also. Die 103. Rettung der Aquarius ist die erste, die ich nicht von Berlin aus am Computer mitverfolge. Von Verschlafenheit keine Spur, geschäftiges Treiben auf dem Schiff, alle machen sich fertig für den Einsatz. Um 7:00 Uhr Lagebesprechung an Deck mit dem Team von SOS MEDITERRANEE und MSF. Dort geben unser SAR-Koordinator Mathias und die Projektleiterin von MSF, Marcella, die für das Team relevanten Infos aus: die vom MRCC durchgegebenen Koordinaten des in Seenot geratenen Schlauchbootes, einen Überblick der sonst noch im Gebiet befindlichen Rettungsschiffe. Dann geht Mathias zurück auf die Brücke. Das Rettungsteam und das medizinische Team machen sich an Deck bereit. Und dann taucht es auf, das Schlauchboot, überfüllt mit Menschen, die die Beine über die Luftkammern baumeln lassen.

Unser Rettungsteam belädt routiniert beide Schnellboote mit Rettungswesten. In das eine Schnellboot steigt auch Reem, Cultural Mediator von MSF. Sie kommt aus Tunesien und spricht Arabisch. Das ist nützlich, da nicht alle Geflüchteten Englisch oder Französisch sprechen, vor allem in Hinblick auf das sogenannte „crowd control“. Wenn die Menschen unser Schiff sehen, wird es manchmal unruhig auf den ohnehin überfüllten und instabilen Schlauchbooten. Reem, aber auch die Erfahrung des gesamten Teams, ist dabei extrem nützlich. Immer wieder werden hier an Bord die unterschiedlichen Rettungssituationen durchgespielt. Die mittlerweile über 100 Rettungen lässt das Team souverän und ruhig agieren. Jeder hat seinen Platz. Auch der Arzt von MSF steigt immer in eines unserer Rettungsboote. Er gibt dem Team an Bord per Funk einen Überblick über den medizinischen Zustand der Schlauchbootinsass*innen. Dieses Mal werden keine wirklichen schweren medizinischen Fälle dabei sein, aber viele Kinder und Frauen, einige davon schwanger.

Während also unser Rettungsteam Richtung Schlauchboot unterwegs ist, macht sich das Team an Deck bereit. Hunderte „rescue kits“ werden an Deck geschleppt, das medizinische Team macht sich bereit für die sogenannte medizinische Triage: das Einteilen der Geretteten in ihre unterschiedliche medizinische Verfasstheiten.

Die ersten Geretteten kommen an Bord, dann läuft alles Hand in Hand: Immer zwei Personen unseres Teams stehen am sogenannten Boat-Landing und helfen den Geretteten aufs Schiff. Die, die da kommen, haben meist nicht einmal Schuhe an. Sie kommen in ihrer nassen Kleidung, an Bord, bekommen die Rettungsweste abgenommen. Es folgt der medizinisch prüfende Blick von Steffen, dem Krankenpfleger von MSF und ein „Schnupperer“; riechen die Geretteten nach Benzin, müssen sie direkt unter die Dusche. Die Mischung aus Salzwasser und Benzin führt zu Verbrennungen auf der Haut. Ich selbst verteile an dem Tag die „rescue kits“. Darin ist eine Decke, neue Kleidung, Nahrung und Wasser. 560 dieser Stoffbeutel habe ich bis zum Nachmittag verteilt. So viele Menschen retten wir aus insgesamt vier Schlauchbooten bis zum Nachmittag.

„Mit Würde“, denke ich den ganzen Tag.  Mit Würde werden die Menschen an Bord genommen, mit Würde werden sie behandelt. Jeder bekommt ein „Welcome“, einen warmen Blick, einen Händedruck. Oft huscht den Menschen ein Lächeln übers Gesicht. Viele bedanken sich. „Merci beaucoup“, „thank you very much“; manche nicken freundlich oder falten kurz die Hände vor dem Gesicht zusammen. Es sind wenige Sekunden Aufmerksamkeit für jeden, viel Zeit ist nicht. Haben die Geretteten ihr „rescue kit“, geht es gleich weiter zur „Registrierung“: Nach der Reihe wird jeder nach Herkunftsland und Alter gefragt, ob sie allein reisen, mit Freunden oder Verwandten, außerdem ob sie gesundheitliche Beschwerden haben. In Zweier-Reihen stehen sie an.

Ich habe mich schon oft gefragt, wie MSF es schafft, hunderte von Menschen mit Alter und Herkunft in so kurzer Zeit und dem Treiben an Deck so schnell zu registrieren.  Aber alles ist bestens organisiert. Am Ende tragen alle Geretteten ein oder mehrere Bänder am Handgelenk: rot heißt registriert, gelb heißt minderjährig (67 Minderjährige sind es diesmal, die ohne Begleitung eines Erwachsenen unterwegs sind), blau heißt Krätze. Dann suchen sie sich einen Platz auf dem Schiff, schlafen, reden, kommen an. Frauen und Kinder sind in unserem sogenannten „Shelter“ untergebracht, einem Schutzraum, wo sie unter sich seinen können. Nur vier Toiletten gibt es an Bord und gefühlt muss jede*r aufs Klo. Aber die Menschen haben Geduld. Keiner drängelt. Die Teams von SOS MEDITERRANEE und MSF kümmern sich umeinander: „Hast Du Dich eingecremt?“, „Hol Dir besser einen Hut“, „Hast Du gegessen?“ hört man sich gegenseitig fragen. An der einen oder anderen Stelle gehen Daumen hoch, Blicke werden getauscht, mit Wertschätzung füreinander wird nicht gespart, mit Humor trotz der Situation auch nicht.

Um 18:00 Uhr beginnt die Essensausgabe. Shawn, der Logistiker von MSF, gibt Anweisungen. Die Geretteten werden in drei Korridore aufgeteilt. Ich bin für das obere Deck zuständig und schaue in hunderte mir zugewandte Gesichter. Alle wollen die Treppe runter. Dort wartet Tim von MSF, malt ein Kreuz auf das jeweilige Armband. Die Geretteten müssen ihre Hände unter Desinfektionsmittel halten, dann bekommen sie einen Tee und ein Brötchen, zusätzlich zu dem bereits im „rescue kit“ befindlichen Essen. Das alles dauert zwei Stunden, dann sind alle versorgt. Schluss ist trotzdem noch nicht. Zwischendurch puste ich mit den Kindern Seifenblasen in die Luft, danach habe ich offiziell Wache. Jede*r im Team ist zur sogenannten Deck-Watch eingeteilt. Diese ersetzt die Bridge-Watch wenn Gerettete an Bord sind. Es gilt die Wasserbehälter aufzufüllen, Toiletten zu säubern, einen Überblick über die hunderten von Menschen zu behalten, die in ihren bunten Decken verteilt auf dem Schiff nach einem Schlafplatz suchen. Meine Deck-Watch habe ich von 20-22 Uhr mit Steffen von MSF. Ich nannte sie scherzhaft „sundowner-Schicht“, ging doch die Sonne unter und tauchte das Schiff mit ihren Menschen in ein seltsam schönes Licht.

Während Steffen und ich also übers Schiff streiften, nach einem weiteren Paar Socken, einer weiteren Decke, einer neuen Wasserflasche oder unserem Namen gefragt werden, wird an einem anderen Platz getrommelt und gesungen. Die Laune ist gut auf dem Schiff, obwohl man weiß, was diese Menschen ausnahmslos alle durchgemacht haben müssen, wenn auch jede*r auf eine vielleicht andere Art und Weise. An eine Begegnung dachte ich, als ich gegen Mitternacht müde, aber froh unter der Dusche stand. Ein junger Mann kam am Nachmittag auf mich zu und fragte auf English, ob ich eine Minute Zeit hätte. Er erzählte mir, dass er seine damals schwangere Frau das letzte Mal im September in Libyen gesehen habe. Beide wurden dort gefangen genommen und in unterschiedliche Lager gebracht. Er wusste, dass ihr die Flucht nach Italien gelungen war, den Namen des Ortes dort und ihre Telefonnummer hatte er auf seiner Flucht verloren. Ob ich wisse, wie er seine Frau finden könne…

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.