Blogbuch #2: „Magical Tea“ und Seekrankheit

Blogbuch #2: „Magical Tea“ und Seekrankheit

Dass ich seekrank werde, war meine größte Sorge, bevor ich an Bord ging. Natürlich ist diese Sorge nichts im Vergleich zu dem Gefühl, hunderte Menschen aus Seenot zu retten. Da ich das eine (miserable!) Gefühl im Gegensatz zum anderen schon kannte, blieben meine Gedanken in der Erinnerung meiner Seekrankheit stecken. Nur zwei Tage war ich an Bord, als die Aquarius im März 2016 von Palermo nach Lampedusa unterwegs war, um von dort in den Rettungseinsatz zu starten. In diesen zwei Tagen lag ich wahlweise in meiner Kabine oder habe auf den Horizont gestarrt. An Arbeiten war nicht zu denken, an Essen auch nicht.

Schon damals haben wir alle die Küchencrew der Aquarius in unser Herz geschlossen, sorgen sie sich doch von morgens bis abends um das Wohlbefinden eines mittlerweile über 30-köpfigen Teams. Und sie sorgen sich wirklich. Damals kochte Rubby all denjenigen, die seekrank waren, eine „Seasickness-Soup“. Er schwor, dass sie helfen würde und wenn nicht, würde er sie wieder aufwischen. Rubby ist immer noch da, Chrismen auch und beide haben immer ein Lachen im Gesicht.

Jeden Morgen bereiten sie in aller Früh frisch den „SOS / MSF Magical Tea“ vor. Ein Tee aus Bergen von Ingwer, Zitronengras, Kardamon, Zimt und Lorbeer. Er hilft gegen Seekrankheit und würde auch gegen einen Kater helfen, den hier allerdings niemand hat, da striktes Alkoholverbot an Bord herrscht. Vor allem aber ist dieser Tee sehr gesund und der riesen Topf Tee am Ende des Tages immer leer.

Jedenfalls schlürfe ich nun fast ganztägig diesen Tee und bilde mir ein, dass es ebendieser Tee ist, der mich nicht seekrank sein lässt. Und nicht das kleine Pflaster, was mir ein Teammitglied von Ärzte ohne Grenzen hinters Ohr geklebt hat. Es hat eine Wirkung von 72 Stunden, die längst rum sind. Ich aber trage es immer noch, aus Furcht, mir könnte schlecht werden. Irrational, hilft aber. Vielleicht stehe ich aber auch nur deswegen noch auf beiden Beinen, da derzeit schlicht kein Wellengang ist.

Die meisten Menschen, die das erste Mal auf dem Schiff sind, werden früher oder später seekrank. Die einen mehr, die anderen weniger. Bei hohem Wellengang liegt Dreiviertel des Teams auf den Kabinen, die Neuankömmlinge eher als diejenigen, die schon einige Wochen an Bord sind. Angeblich gewöhnt man sich dran. Ich weiß noch nicht, ob ich das glauben soll.

Ein bisschen schummerig wurde mir heute bei meiner ersten „Watch“.  90 Minuten durch ein Fernglas zu sehen ist ja auch nicht normal für jemanden, der eigentlich auf den Computer starrt. Boote habe ich nicht entdeckt, dafür Delphine. Sonst weit und breit: nichts. Nur das Meer. Und ich frage mich, ob der Magical Tea vielleicht auch gegen Muskelkater hilft. Den habe ich nämlich – von unserem Sportprogramm an Deck.

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Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

 

 

Fotos: Kenny Karpov