Blogbuch #11: Sicher an Bord

Blogbuch #11: Sicher an Bord

Meine dreiwöchige Rotation an Bord der Aquarius geht zu Ende. Am Dienstag, den 15. August, unserem letzten Tag in der SAR-Zone, wurden wir vom MRCC Rom angewiesen, 112 Personen, die vorher von einem anderen NGO-Schiff gerettet worden waren, auf unser Schiff zu nehmen und nach Italien in Sicherheit zu bringen. Das Treffen unserer beiden Schiffe wurde für 20 Uhr festgelegt. Der Transfer verlief reibungslos und war innerhalb anderthalb Stunden abgeschlossen. Es war ein langer Tag für alle und die Menschen kamen für die Nacht zur Ruhe.

Bis auf einen Mann, der zu viel Angst hatte seine Augen zu schließen, zu viel Angst, in den Schlaf zu sinken, da dies in der Vergangenheit Gewalt und Missbrauch bedeutete.

Am nächsten Tag mischten sich die Menschen an Bord, Papier und Stifte wurden an alle die malen oder schreiben wollten verteilt; eine Gruppe junger Männer faltete ein Schachbrett aus Pappe, saß stundenlang im Schatten und spielte Runde um Runde. Eine Gruppe von Menschen versammelte sich um die kleinen Trommeln die wir an Bord haben und bald darauf tanzten alle in einem großen Kreis.

Den Großteil meines Tages verbrachte ich an Deck, um mich mit den Menschen auszutauschen, Essen zu verteilen, um sicherzugehen, dass es allen gut ging. Ich lernte über französische Literatur, traditionelle Tänze aus Bangladesch, sudanesische Stämme, Fußball-Strategien, das Leben in Flüchtlingslagern und Libyen.

Obwohl ich viel Zeit damit verbringe, über Libyen zu lesen und die Augenzeugenberichte zu analysieren, die wir an Bord sammeln, ist es nie leicht, dies aus erster Hand zu hören. Die Bilder von Waffen und Tod, die die Kinder malen. Körperliche Anzeichen der Folter zu sehen, die Tränen einer Mutter die von ihrer Reise erzählt. Die Fotos eines Teenagers anzuschauen, von vor einem Jahr, bevor Milizen über ihr Dorf herfielen.

Die Geretteten an Bord kamen von überall her, aber sie hatten eines gemeinsam: ihre Berichte über Libyen. Egal woher die Leute kamen, egal wie viel Zeit sie in Libyen verbracht hatten, entstand ein klares Bild: ein Bild von unkontrollierbarer Gewalt. Ein Bild von wahllosen Entführungen, Inhaftierung, Lösegeldforderungen. Ein Bild von Unsicherheit und Angst.

Als wir uns Italien näherten, lehnten sich alle an die Seiten des Bootes und blickten auf das große Unbekannte. In Italien angekommen, ankerten wir für den Ausstieg im Hafen und unser Team stellte sich auf, um Abschied zu nehmen. Ein letzter Handschlag, ein letztes „Auf Wiedersehen und viel Glück“. Ich umarmte eine der Mütter während ihres tränenreichen Abschieds. Tränen der Dankbarkeit? Vielleicht. Tränen der Angst? Bestimmt. Es ist niemals leicht, Abschied zu nehmen, aber es war besonders schwer, die Leute in das Ungewisse zu schicken, und gleichzeitig zu wissen, dass ihre Reise lange noch nicht vorbei ist. Sich zu sorgen, ob ihnen Schutz gewährt wird, ob sie in Europa bleiben können, ob sie mit ihren Familien vereint werden.

Nur 36 Stunden nachdem wir uns von dem letzten der 112 geretteten Menschen verabschiedet hatten, war es auch für mich Zeit, mich zu verabschieden. Ich schätze mich glücklich, drei Wochen in der Gesellschaft von großartigen Menschen verbracht zu haben; hart arbeitenden, engagierten und herzlichen Menschen. Wie ich schon sagte, ist es nie leicht, sich zu verabschieden, aber während ich traurig bin, dass unsere Wege sich trennen, ist meine Abreise nicht von Ungewissheit oder Angst geprägt. Ich gehe nicht in das große Unbekannte. Stattdessen gehe ich zurück nach Hause. Mein Zuhause ist ein sicherer Ort. Wenn ich in den letzten drei Wochen etwas gelernt habe, dann ist es, dass dieses Gefühl nicht selbstverständlich ist. Es ist etwas, das viele Menschen seit Monaten, Jahren oder in ihrem ganzen Leben nicht erlebt haben. Es ist der Grund dafür, dass Menschen alles was sie kennen und schätzen zurücklassen; es ist der Grund, warum Menschen bereit sind, Wüsten und Ozeane zu überqueren. Es ist der Grund dafür, dass Leute zu große Angst haben zu schlafen.

Die Aquarius ist ein Ort der Sicherheit, auch wenn nur für eine kleine Weile. Die Tatsache, dass der Mann, der zuerst nicht einschlafen wollte und konnte, schließlich in den Schlaf trieb, ist ein Zeugnis dafür.

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Lea arbeitet im Bereich der Kommunikation  für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab.  Im August war sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtete in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.