Blogbuch #12: Dankbar

Blogbuch #12: Dankbar

Seit zweieinhalb Jahren bin ich Teil von SOS MEDITERRANEE. Bevor es Unterstützer*innen gab, bevor die Rettungen stattfanden, bevor es überhaupt ein Boot gab. Als es alles noch eine Idee war, in der Hoffnung einen kleinen Teil beizutragen, die Tragödie die sich vor unser Haustür abspielt, zu mindern.

Zweieinhalb Jahre später bin ich nun für meine erste Rotation an Bord der Aquarius.

Es ist unser erster voller Tag in der Rettungszone. Mein Tag begann mit meiner Wache von 8.30-10 Uhr, direkt nach dem morgendlichen Meeting. Kurz danach erhalten wir einen Anruf von der italienischen Seenotleitstelle – „bitte übernehmt 110+ Menschen von einem Handelsschiff.“ Geschätzte Ankunftszeit: fünf bis sechs Stunden. Als wir schließlich ankommen, hat sich schon ein anderes NGO Schiff bereit erklärt, die geretteten Personen an Bord zu nehmen, da sie nach einer bereits abgeschlossenen Rettung am Vormittag sowieso nach Italien zurückkehren werden. Unser Schnellboot hilft mit dem Transfer der geretteten Personen und einer ersten Übersicht der medizinischen Fälle.

Im Laufe des Tages sickern immer mehr Informationen zum restlichen Team an Bord der Aquarius durch. Acht Leichen wurden am Boden eines Gummibootes gefunden. Acht Menschenleben, die irgendwo auf internationalen Gewässern zwischen Libyen und Italien endeten; zwischen einem Ort der Angst und Gewalt und einem Ort der Hoffnung und Zukunft. Der Boden des Gummibootes war mit Holzplanken ausgelegt, damit die Menschen irgendwo Platz zum Stehen hatten. Irgendwo auf offener See brachen die Holzplanken unter dem Gewicht der mehr als 120 Menschen, die in das kleine Gummiboot gequetscht waren.

Es ist nun spät am Abend. Die Leichen werden an Bord der Aquarius gebracht. Aus Respekt werden alle Teammitglieder, die keine aktive Rolle in der Bergung der Leichen haben, gebeten, ins Innere des Schiffes zu begeben. Dies ist kein Schauspiel, es ist die Realität tausender von Menschen, die jeden Monat, jedes Jahr über das Mittelmeer fliehen.

Es ist die Realität der kleinen S., eine der Überlenden. Sie ist vielleicht maximal drei oder vier. Ihre Mutter überlebte die Überfahrt nicht. In diesem Moment bin ich dankbar, dass ich diejenigen, die heute ihr Leben verloren haben, nur einen kurzen Augenblick lang gesehen habe; dankbar, dass ich noch nie zwischen einem gewissen und einem möglichen Tod wählen musste; dankbar, dass meine Mutter sicher zu Hause in ihrem Bett liegt; dankbar für das Team der Aquarius, das die heutige Situation mit dem höchsten Grad an Professionalität und Würde bewältigt hat.

Ich bin nun wieder in meiner Kabine und kann das Geräusch des Krans hören, der eine Leiche nach der anderen von dem kaputten Gummiboot an Bord der Aquarius hebt. Ich bin wütend und ich bin traurig, und gleichzeitig finde ich auch ein wenig Trost, da ich weiß, dass wir gemeinsam, denjenigen, die heute ihr Leben verloren, gedenken werden und dass sie, auch wenn es nur für eine kurze Weile ist, mit dem Respekt und der Würde behandelt werden, die jeder Mensch verdient.

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Lea arbeitet im Bereich der Kommunikation  für die Berliner Geschäftsstelle von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab.  Im August war sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtete in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

Foto: Narciso Contreras