Blogbuch #1: „Stayin‘ Alive!“

Blogbuch #1: „Stayin‘ Alive!“

Zwei Tage bin ich erst an Bord der Aquarius und habe schon jetzt das Gefühl, bereits ewig hier zu sein. Und das ohne Rettungen. Diese zwei Tage waren voll mit Meetings, Übungen und Simulationen an Bord wie auf dem Wasser. Ich bin sehr beeindruckt, wie professionell hier alle zusammenarbeiten und das mit einer gehörigen Portion Sinn für Humor. „Stayin‘ Alive“ erklang plötzlich mitten in der Erste-Hilfe-Übung während ich die Herzdruckmassage an einem Dummi übte. Und ich musste lachen.   Jeder, der Erste-Hilfe-Maßnahmen nicht aus dem FF beherrscht, wird von Ärzte ohne Grenzen geschult. Dazu gehöre ich jetzt auch. Mein Dummi hat überlebt.

Es geht hier um nicht weniger als um Leben und Tod. Darauf bereitet man sich an Bord trotz großer Erfahrung aus über 100 Rettungen und tausenden geretteten Menschen gründlich und in einem sehr eng getakteten Zeitplan vor. Heute haben wir neben vielen anderen Dingen den „Mass Casuality Plan“ simuliert. Dieser tritt ein, wenn es in einer Rettungssituation besonders viele verletzte Personen gibt und die Lage unübersichtlich wird. Dann hat jeder an Bord eine bestimmte Rolle, die er kennen muss. Auch Journalist*innen mussten als Statisten ran und ich sah mich plötzlich gemeinsam mit Kolleg*innen aus dem Rettungsteam den bewusstlosen Reuters-Journalisten in unsere Klink tragen. Ich glaube, ihm war ein wenig mulmig, aber auch er hat „überlebt“.

In solchen Situationen ist die Kommunikation zwischen unserem Rettungsteam auf den Booten, denjenigen, die die Patient*innen an Deck annehmen und dem Team von Ärzte ohne Grenzen essenziell. Es geht oft um Sekunden und genauso hat es sich angefühlt, obwohl es nur eine Übung war. Aber unsere Statist*innen haben alles gegeben: geschrien, sich schwer gemacht wie Säcke und die Augen erst nach erfolgreicher Wiederbelebung wieder aufgeschlagen.

Aber es gibt auch noch eine ganze Menge anderes zu lernen: Zum Beispiel, wie man sich richtig auf der Brücke verhält, wenn man Wache schiebt. Jede*r aus dem SOS-Team hat am Tag 1,5 Stunden Wache. Die erste Wache beginnt um 5.30 Uhr, die Letzte endet um 20.30 Uhr, die Nacht übernimmt die Schiffscrew. Schon oft wurden Schlauchboote durch unsere Ferngläser entdeckt. Wie ich sie erkennen soll, diese kleinen Dinger in weiter Ferne, ist mir noch ein Rätsel, aber es ist möglich und schon oft vorgekommen, dass Schlauch-, und Holzboote am Horizont entdeckt wurden. Auch ich hätte heute von 17.30-19.00 Uhr Wache gehabt. Diese aber habe ich mit unserem unkomplizierten Fotografen Kenny getauscht, da ich am sogenannten „Fit Club“ teilnehmen wollte. Wenn es die Situation zulässt, was heißt, dass wir keine Geretteten an Bord haben, dann gibt es regelmäßige Sporteinheiten an Deck. Seilspringen, Liegestützen, Klimmzüge am Schiffsdeck und danach noch eine halbe Stunde Yoga.

Aber nicht nur der „Mass Casuality Plan“ (MCP) war heute dran, sondern auch die „lessons-learned“ aus unterschiedlichen Rettungssituationen, die unser stellvertretender Einsatzleiter Max vor allem den neuen Teammitgliedern erläutert hat.  Oder der Vortrag des „Humanitarian Affairs Officers“ Giorgia von MSF, die unseren Einsatz in den politischen Kontext gerückt und über die Zustände in Libyen und Italien berichtet hat.

Gleich ist es halb zehn abends und das Schiff ist still, denn der Tag beginnt früh. Jeden Morgen um 8.15 Uhr bespricht sich das gesamte Team von SOS und MSF zur aktuellen Lage. Ich bin gespannt, was morgen ansteht. 


Verena arbeitet im Bereich Kommunikation für die Berliner Geschäftsstelle  von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V. Sie begleitete SOS  bereits in Zeiten, in denen es noch kein Schiff gab. Seit Mitte Mai ist sie für drei Wochen an Bord der Aquarius und berichtet in einem Tagebuch regelmäßig von ihren Eindrücken.

Fotos: Kenny Karpov