An unsere Unterstützer*innen

An unsere Unterstützer*innen

Liebe Unterstützerin, lieber Unterstützer,

eine Sommerpause gibt es für das Team von SOS MEDITERRANEE nicht. Wir sind weiterhin im Einsatz und stellen uns täglich den zahlreichen neuen Herausforderungen im Mittelmeer. Zwischen Verhandlungen um den Verhaltenskodex für NGOs und erneuten Versuchen zivile Seenotretter*innen zu kriminalisieren, gerät in der aktuellen Berichterstattung leicht das Wichtigste aus dem Blick: Auf der Flucht über das Mittelmeer sterben weiterhin Menschen.

Nach langen Verhandlungen hat das italienische Innenministerium unseren Ergänzungen zum Verhaltenskodex für NGOs zugestimmt: Wir haben nun schwarz auf weiß, dass das Dokument rechtlich nicht bindend ist, die Effektivität der Rettungseinsätze nicht einschränken soll und dass wir Polizeibeamte nur in Einzelfällen und unbewaffnet an Bord empfangen müssen. Daraufhin haben wir ihn letzte Woche unterschrieben (siehe auch unsere Pressemitteilung). Wir sind erleichtert, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen ist und wir uns endlich wieder voll und ganz dem Kern unserer Arbeit, der Lebensrettung, widmen können.

Der Verhaltenskodex für humanitäre Organisationen im Mittelmeer ist ein Hilfeschrei Italiens. Denn das Retten und die Aufnahme von Flüchtenden sollten keine rein italienischen Angelegenheiten sein – es ist eine europäische Verantwortung, wenn wir Solidarität in Europa ernst meinen. Auch wenn wir Verständnis für die schwierige Lage in Italien haben, dürfen humanitäre Organisationen nicht zu Sündenböcken einer verfehlten europäischen Flüchtlingspolitik gemacht werden. Wir und andere private Organisationen sind im Mittelmeer im Dauereinsatz, weil die EU-Mitgliedsstaaten noch immer nicht richtig handeln.

Neben den Entwicklungen in Europa beobachten wir auch die Ereignisse in Libyen mit Besorgnis. Letzte Woche haben libysche Behörden erstmals die Absicht erklärt, eine eigene Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste einzurichten und NGOs aktiv dazu aufgefordert, sich von Rettungseinsätzen fernzuhalten. Für NGOs wird das Klima auf dem Mittelmeer immer feindseliger. Durch den jüngsten Abzug anderer Rettungsschiffe – die Aquarius war einige Zeit lang wieder einmal das einzige Rettungsschiff vor Ort – klafft die Lücke der fehlenden Such- und Rettungskapazitäten immer weiter auf und fordert letzten Endes mehr Menschenleben.
In Übereinstimmung mit unseren Prinzipien und solange es die Sicherheitslage zulässt, werden wir unseren Einsatz weiter fortsetzen (Statement).

Die dramatischen Szenen während unseres letzten Rettungseinsatzes Anfang August bestätigen die Notwendigkeit unserer Präsenz im Mittelmeer: Acht Menschen konnten von unserer Crew nur noch tot aus einem Schlauchboot geborgen werden. Darunter die Mutter eines zweijährigen Mädchens, das überlebte. Diese Szenen kann man nicht vergessen.

So dramatisch die Einsätze im Mittelmeer oft sind, so geben sie unseren Teams gleichzeitig mehr Kraft, allen Widerständen zum Trotz, weiter zu machen. Vor wenigen Wochen erst wurden wir Zeug*innen eines kleinen Wunders auf dem Mittelmeer: Unter unvorstellbaren Umständen gebar eine junge Frau aus Kamerun auf einem Holzboot ihren ersten Sohn. Die Nabelschnur wurde erst an Bord der Aquarius durchtrennt. Eine Geburt auf der Flucht mitten auf dem offenen Meer führt uns erneut das Ausmaß des menschlichen Dramas vor Augen, das sich an Europas Grenzen abspielt. In welcher Notlage muss sich eine Frau befinden, dass sie an Bord eines maroden Holzbootes steigt, wenn sie kurz vor der Geburt steht? Was wäre geschehen, wenn unser Team nicht rechtzeitig vor Ort gewesen wäre? Kein Mensch sollte solche Risiken auf sich nehmen müssen!

Nicht zuletzt beweist Ihre anhaltende Unterstützung, dass immer mehr Menschen in Europa das Sterben auf dem Mittelmeer nicht hinnehmen wollen. Mehr denn je sind wir in diesen Zeiten auf Ihre Unterstützung angewiesen. Bleiben Sie an unserer Seite.

Ihr
Timon Marszalek
(Geschäftsführer)