+++40 Stunden Dauereinsatz+++

+++40 Stunden Dauereinsatz+++

In sieben Einsätzen fast 800 Gerettete an Bord genommen. Geflüchtete berichten über unmenschliche Zustände in Libyen während zeitgleich europäische Regierungschefs Maßnahmen zur Grenzkontrolle berät.

Seit Donnerstagmorgen ist die Crew der Aquarius ohne Pause im Einsatz. In sieben Rettungseinsätzen konnte SOS MEDITERRANEE fast 800 Menschen aus akuter Seenot retten und an Bord der Aquarius in Sicherheit bringen. Aufgrund der überraschend guten Wetterbedingungen traten besonders viele Boote die Reise über das Mittelmeer nach Italien an. Unter den Geretteten befinden sind auch viele unbegleitete Jugendliche, Kinder und schwangere Frauen. Die meisten Geretteten stammen aus Ländern westlich der Sahara. Auch ein Boot mit Geflüchteten aus Syrien und Palästina ist unter den Geretteten.

Während das Team der Aquarius ohne Pause im Einsatz ist und gemeinsam mit der spanischen NGO Pro Activa als einzige zivile Rettungsschiffe auch im Winter im Mittelmeer unterwegs ist, findet in Malta zeitgleich ein Gipfeltreffen über Maßnahmen zur Eindämmung der Migration von Libyen nach Italien statt. Dabei wollen europäische Staats- und Regierungschef über sofortige Maßnahmen zur Eindämmung der Migration von Libyen nach Italien beraten – sprich, wie die Flüchtenden daran gehindert werden können, die libysche Küste überhaupt zu verlassen. SOS MEDITERRANEE ist angesichts der Aussagen von Geretteten, wonach strukturelle Gewalt und unmenschliche Verhältnissen in Libyen an der Tagesordnung sind, alarmiert. Seit dem ersten Rettungseinsatz vor einem Jahr sammelt das Team von SOS MEDITERRANEE Augenzeugenberichte von Geflüchteten – allesamt beschreiben ihre Zeit im Transitland Libyen als „die Hölle“. „Ich habe drei Monate in Libyen verbracht. Dort werfen sie Schwarze einfach ins Gefängnis. Zu Essen uns zu Trinken haben wir währenddessen fast nichts bekommen“ berichtete am Donnerstagmorgen ein 26-jähriger Geretteter aus Guinea-Bissau. SOS MEDITERRANEE fordert daher die europäischen Staats- und Regierungschefs dazu auf, sich nicht von Afrika abzuschotten, sondern Menschen in Europa Zuflucht zu gewähren: „Die Überlebenden an Bord berichten uns immer wieder, wie sie in Libyen durch die Hölle gegangen sind. Wir könnten es nicht verantworten, sie an eben jene libysche Küste zurück zu bringen.“

Seit Beginn diesen Jahres sind laut UNHCR 5.213 Menschen in Italien angekommen. Mindestens 254 Menschen sind dabei ertrunken. Zusätzlich gelten viele der in Seenot gemeldeten Boote als vermisst. Die Dunkelziffer ist voraussichtlich also weitaus höher.

Bemerkenswerterweise gab es bei den sieben Rettungseinsätzen der Aquarius gestern und heute keine Todesfälle und auch keine medizinischen Notfälle zu verzeichnen. Die Aquarius ist bereits Richtung Sizilien unterwegs, um die Geretteten dort sicher an Land zu bringen. Aktuell werden sie an Bord mit warmer Kleidung, Essen und Trinken versorgt. Die Rettungseinsätze dauerten über 30 Stunden an, so dass viele der Geflüchtete bei weiteren Rettungen live dabei waren und die Crew bei dem hohen logistischen Aufwand unterstützt haben. Die Überlebenden selbst halfen, die vielen neuen Flüchtlinge an Bord willkommen zu heißen und Essen und Trinken zu verteilen.

Als europäische humanitäre Rettungsorganisation fordern wir die europäischen Staats- und Regierungschefs dazu auf, diese Tragödie mit allen zur Verfügung stehenden friedlichen und humanen Mitteln zu beenden. Es ist höchste Zeit, dass der Schutz menschlichen Lebens auf See und an Land – auch in Libyen – oberste Priorität für alle Akteure im Mittelmeer hat.“, sagte Timon Marszalek, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V.

Text: Theresa Kuschka & Jana Ciernioch