In eigenen Worten #32: „Dank euch und dank Gott habe ich es geschafft!“

In eigenen Worten #32: „Dank euch und dank Gott habe ich es geschafft!“

Am 23. Mai 2017, rettete das SAR Team von SOS MEDITERRANE 1004 Menschen von 8 Gummi- und 2 Holzbooten in internationalen Gewässern.

Die Frau bittet mich, mit ihr zu sprechen, und sobald wir einen etwas ruhigeren Ort finden, erzählt sie mir, dass sie 37 Jahre alt ist, von der Elfenbeinküste kommt, aber einige Zeit in Libyen verbracht hat. Und über diese Zeit möchte sie mit mir sprechen.

„Mein Problem ist, dass ich ganz allein bin, mein Mann war in Libyen mit mir und er ist verschwunden, ich weiß nichts über ihn, ich warte schon seit drei Monaten auf ihn, aber er ist nie wieder nach Hause gekommen. Vor elf Jahren habe ich die Elfenbeinküste verlassen, mein Vater ist vor langer Zeit gestorben, meine Mutter kommt aus Mali und ist in ihre Heimat zurückgekehrt, in der Elfenbeinküste war es zu gefährlich. Vor allem wenn die Familie kein männliches Oberhaupt hat. Wir sind auch nach Mali gegangen, mein Mann mit meinen vier Kindern (5, 7, 11 und 15 Jahre alt) und ich, um gemeinsam mit meiner Mutter, meinen vier Brüdern und drei Schwestern zu leben. Wir waren vier Jahre in Gao, bis der Krieg kam.

Mein Mann hat sich nicht um die Kinder gekümmert, er war gewalttätig, er schlug mich, sobald ich sprach, er wollte nicht, dass die Kinder zur Schule gingen, für ihn war das nichts wert. So sind sie auch zu Vagabunden geworden, genau wie ihr Vater. Ich konnte sie nicht behalten, sie hörten nicht auf mich, es war, als hätte ich keine Kinder. Ich schied mich von meinen Mann, ich hoffte, ihnen helfen zu können, ich wollte, dass sie zur Schule gehen. Aber sie hörten mehr auf ihrem Vater und das Straßenleben. Das Problem war, dass wir nichts hatten, nicht einmal Geld um für die Schule zu zahlen. Also  beschloss ich nach Libyen zu gehen, um dort zu arbeiten und meiner Familie zu helfen.

Auf dem Weg nach Libyen legte ich einen Zwischenstopp in Algerien ein und blieb dort zwei Monate lang und arbeitete als Haushälterin, aber sie zahlten mir sehr wenig. Mir wurde bewusst, dass ich nie genug verdienen würde, um meinen Kindern zu helfen. Also setzte ich meine Reise nach Libyen fort.“ Vorsichtig frage ich sie, mir von den Tagen in der Wüste zu erzählen, wie viele Leute, die sich an diese Erfahrung erinnern, senkt auch sie den Kopf, bleibt still, dann sieht sie mich an und lächelt mich schüchtern an: „Die Wüste? Du willst mehr über die Reise durch die Wüste wissen? Es war unglaublich schwierig. Alle Frauen werden geschlagen und vergewaltigt. Ich wurde auch geschlagen, sie haben mich nackt ausgezogen … schau dir diese Narben an, das alles haben sie getan“ und sie zeigte mir ihre Narben an Beinen und Armen.

„Sie ziehen uns aus und sagen sie wollen all dein Geld, alles was wir haben. Dazu wollen sie sehen, ob wir etwas vielleicht verstecken. Aber so stimmt das nicht, sie wollen uns überall berühren, auch in deinem Intimbereich. Das werde ich nie vergessen. Viele Frauen werden vergewaltigt, aber zum Glück ist mir das nicht passiert, denn ein Mann mit dem ich unterwegs war, half mir, indem er sagte, dass er mein Ehemann sei.

Wir lebten gemeinsam in Libyen, eine Frau allein kann dieses Böse nicht überleben. Aber selbst dann war es nicht einfach. Auf die Straße zu gehen war zu gefährlich. Er arbeitete, aber so oft wurde er überfallen und sie nahmen sein ganzes Geld. Er und ich lebten zusammen und jetzt bin ich sieben Monate schwanger. Aber er ist nicht da. Ich weiß nicht, ob er verschwunden ist, weil er dieses Baby nicht wollte oder ob er entführt oder sogar getötet wurde. Man kann eine Person in meiner Position nicht zurücklassen. Ich habe mich auf ihn verlassen. Ich weiß nicht, was mit ihm geschah, alles Mögliche passiert dort unten, man kann es sich nicht vorstellen.“ Sie scheint zu glauben, dass ihr Mann, ohne ihr etwas zu sagen, sich entschied sie zu verlassen, aber vielleicht kann sie diesen Gedanken nicht akzeptieren und zieht es vor sich vorzustellen, dass er vielleicht entführt wurde oder gestorben ist.

„Ich konnte nicht alleine in Libyen bleiben, ich sah täglich wie Frauen einfach entführt wurden. Deswegen hatte auch ich Angst, ich konnte nicht einmal auf die Straße gehen, um etwas zu essen zu kaufen. Also beschloss ich, das Meer zu überqueren. Wenn ich in Libyen geblieben wäre, wäre ich jetzt definitiv tot. Ich hatte Angst vor dem Meer, aber alle sprachen über Europa und Italien und sagten, dass es ein freies Land ist, wo man arbeiten kann. Ich arbeitete im Haus einer Frau, die mich nicht bezahlt hat. Aber sie hat mir mit der Überfahrt geholfen. Wir waren so viele, ich wollte nicht auf das Boot, es war dunkel, man konnte nichts sehen, ich hatte Angst. Ich war mit all den anderen am Strand und ich fühlte, wie sie uns auf das Boot drängten, ich hatte keine andere Wahl.
Und jetzt bin ich bei dir. Dank euch und dank Gott, habe ich es geschafft.“

Als sie uns verlässt, gibt sie mir eine feste Umarmung und sagt: „Ich bin nie zur Schule gegangen und was ich am liebsten möchte, ist, dass meine Kinder zur Schule gehen können.“ Und dann verschwindet sie unter den tausend Geflüchteten, die auf der Aquarius gerade unterkommen.

Text: Francesca Vallarino Gancia

Übersetzt aus dem Englischen von Lea Main-Klingst

Foto: Kenny Karpov,  Francesca Vallarino Gancia