+++1004 Menschen gerettet – Einsätze durch Schüsse unterbrochen+++

+++1004 Menschen gerettet – Einsätze durch Schüsse unterbrochen+++

Pressemitteilung                                                                                                                                                Berlin, 24. Mai 2017

Auf dem Mittelmeer wurde gestern, Dienstag, den 23. Mai, ein neuer, trauriger Rekord aufgestellt: In nur einem Tag haben SOS MEDITERRANEE und Ärzte ohne Grenzen, die gemeinsam das Rettungsschiff Aquarius betreiben, in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste 1.004 Menschen von 11 Booten gerettet. Eine weitere Stufe der Eskalation stellte der Gebrauch von Schusswaffen durch die libysche Küstenwache während der Rettung dar. Dieser erschwerte den gemeinsamen Rettungseinsatz von SOS MEDITERRANEE und MSF unter Koordination des MRCC und in Zusammenarbeit mit Save The Children und Jugend Rettet.

Dies war eine der kompliziertesten und schwierigsten Rettungseinsätze, die wir seit Beginn unserer Arbeit vor über einem Jahr auf See hatten. Eine komplette Ausnahmesituation. Auch wenn solche 10-Stunden Einsätze schon länger keine Seltenheit mehr sind“, sagte Mathias Menge, Search- and-Rescue Koordinator an Bord der Aquarius.

Libysche Küstenwache feuert Schüsse ab

Die ersten Rettungen begannen auf Anweisung des MRCC am Dienstagmorgen um 10:30 Uhr, nachdem eine Luftpatrouille in internationalen Gewässern mehrere Boote in Seenot gesichtet hatte.
Die Aquarius befand sich gerade mit ihren Rettungsbooten in internationalen Gewässern bereit zum nächsten Einsatz, als sich gegen 12:30 Uhr ein Boot mit hoher Geschwindigkeit näherte, das mit vier Maschinengewehren bewaffnet war und als libysche Küstenwache identifiziert werden konnte. Das Handeln der libyschen Küstenwache gefährdete dabei akut die laufenden Rettungsarbeiten. Es wurden mehrere Gewehrschüsse abgefeuert, die nach Augenzeugenberichten der Aquarius-Crew in die Luft und ins Wasser abgegeben wurden und der Einschüchterung der Geflüchteten dienten. Kurz darauf bestiegen zwei Mitglieder der libyschen Küstenwache – einer davon bewaffnet – eines der Schlauchboot, auf dem sich zu dem Zeitpunkt noch Geflüchtete befanden. Daraufhin sprangen ca. 67 Menschen aus Panik ins Wasser und schwammen auf die Aquarius zu. Dank des schnellen Eingreifens der Aquarius-Crew kam dabei niemand ernsthaft zu schaden. Alle konnten vom Rettungsteam sicher an Bord gezogen werden. Die meisten von ihnen trugen bereits Rettungswesten, die von SOS MEDITERRANEE zuvor verteilt worden waren.

Als die Libyer ihre Waffen auf uns zeigten und uns befahlen, ihnen all unser Geld und unsere Handys zu geben und uns aufforderten ins Wasser zu springen, taten wir, was sie sagten und viele von uns sprangen ins Wasser. Ich hatte keine Angst, mir war es lieber auf See zu sterben, als nach Libyen zurückgebracht zu werden und dort zu sterben„, berichtete ein Überlebender aus Gambia den freiwilligen Helfer*innen von SOS MEDITERRANEE.

Aufruf an die G7: Eine humanitäre Lösung für die Situation im Mittelmeer finden

Trotz dieser schwierigen Umstände wurden so viele Menschen wie noch an Bord der Aquarius in Sicherheit gebracht – unter ihnen viele Frauen und Kleinkinder, so etwa ein 15 Tage altes Neugeborenes. Die geretteten Menschen kommen aus mehr als 20 verschiedenen Herkunftsländern, die meisten von ihnen aus Westafrika.

In Abwesenheit von Frontex-Schiffen im Rettungsgebiet – dort, wo sich statistisch die meisten Schiffsunglücke ereignen – waren die NGOs einmal mehr gezwungen, hunderte von Leben zu retten. Was hätten sie nur ohne unsere Anwesenheit getan? Die Geretteten werden am Freitag in Süditalien von Bord gehen – alle Häfen in Sizilien sind wegen des G7-Gipfels in Taormina geschlossen„, erklärte Sophie Beau, Vizepräsidentin von SOS MEDITERRANEE.

Die dramatische Situation am Dienstag ist trauriger Alltag im Mittelmeer. Es zeigt einmal mehr die völlig unzureichende Reaktion auf die humanitäre Krise vor Europas Toren, die bereits Zehntausende von Leben gekostet hat. Das Retten von Menschen in Seenot kann nicht allein den NGOs überlassen werden: Es liegt an den Politiker*innen und internationalen Institutionen, eine adäquate Lösung zu finden, um diejenigen zu schützen, die Zuflucht suchen. In wenigen Tagen werden sich die G7 in Sizilien treffen. Dort, wo in den vergangenen Jahren hunderttausende Menschen angekommen sind, die im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet wurden. Dies wollen wir als Anlass nehmen, die europäischen Regierungschefs dazu aufzurufen und zu erinnern, umgehend eine Lösung für die humanitäre Krise zu finden. Eine Lösung, die  die Menschenrechte respektiert„, sagte Timon Marszalek, Geschäftsführer von SOS MEDITERRANEE Deutschland e.V.

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