1 Jahr Solidarität auf See

1 Jahr Solidarität auf See

Rückblick


Am 27.2.2016 ist die Aquarius von Lampedusa aus in den Rettungseinsatz gestartet. Ein großer Schritt war getan: Wir hatten ein Schiff umgebaut und es von Rügen nach Italien überführt; eine Schiffscrew zusammengestellt, die das Schiff in Betrieb halten und steuern würde; ein Rettungsteam sowie einen medizinischen Partner gefunden, die sich um die Geretteten kümmern konnten. Medienteams, welche die europäische Öffentlichkeit über unseren Einsatz informieren würden. Ein erstes Durchatmen, denn allein bis hierher war es ein weiter Weg.  Das ist nun ein Jahr her. Seitdem ist viel passiert und ruhiger ist es auf dem Mittelmeer und damit auch bei uns nicht geworden. Im Gegenteil.

Über 7.800 Flüchtlinge haben wir seither im zentralen Mittelmeer gerettet, mehr als 13.000 Menschen an Bord versorgt. Auch drei Babys kamen an Bord zur Welt.

Mehr als 60 Rettungsmitglieder aus vielen verschiedenen Ländern waren auf der Aquarius das ganze Jahr über im Einsatz. 700 Rettungswesten für Erwachsene, 20 für Kinder und zehn für Babies sowie vier aufblasbare Gummiboote und Rettungsbananen, die unser Team bei schwierigen Rettungen zusätzlich einsetzt, haben wir gekauft. Je 15 Helm und Sicherheitsgurte, Sicherheitsschuhe- und Handschuhe für jedes Rettungsteammitglied, 15 Sicherungsgurte sowie winter- und wasserfeste Kleidung für unser Team, um sie für die Einsätze unter schwierigen Wetterbedingungen im Winter auszurüsten. 25 Handfunkgeräte werden an Bord genutzt, 75 Liter Sonnencreme im Sommer und 293 km Toilettenpapier über das ganze Jahr verbraucht. Das Deck der Aquarius haben wir im Sommer mit Sonnensegel, im Winter mit Windschutz ausgestattet.

 

 

Augenzeugenberichte von Bord #InEigenenWorten


Jenseits der Zahlen aber sind es auch die Erzählungen des Teams an Bord, die unserem Einsatz ein Gesicht geben. Die Worte, die unsere Rettungsmitglieder finden, um über ihre Eindrücke an Bord zu schreiben. Über das, was sie bei Rettungen fühlen und wie sie den Alltag an Bord erleben.

Vor allem aber sind es die Geschichten der Geretteten, die sie erzählen, wenn sie sich von den Strapazen der Überfahrt erholt haben. Oftmals sind sie nach vielen Jahren einer langen Flucht das erste Mal an einem sicheren Ort mit kurzer Atempause, bis sie an der italienischen Küste an Land gehen. Für unser Team ist der Moment der Verabschiedung oft der Schwerste.

Seit Beginn unseres Rettungseinsatzes sammeln wir an Bord der Aquarius die Augenzeugenberichte der Menschen, die wir gerettet haben und schreiben ihre Geschichten auf. Nahezu alle Geflüchteten haben Libyen durchquert und einige Zeit dort verbracht. Sie alle berichten über menschenunwürdige Umstände:

„Die Leute in Libyen mögen keine Schwarzen. Dort sperrt man uns ins Gefängnis. Ich war sieben Monate lang eingesperrt. Dann konnte ich fliehen. Ich hatte Angst vor dem Meer, aber ich hatte keine Wahl…“ Mambie, 18 Jahre, aus Gambia.

In eigenen Worten #22: „Ich ertrage den Anblick des Meeres nicht mehr“

Die überwältigende Mehrheit dieser Berichte weist darauf hin, dass die Wahrung fundamentaler Menschenrechte in weiten Teilen Libyens nicht garantiert ist. Die Berichte variieren von Person zu Person, doch in einem Aspekt gleichen sie sich allesamt: Gewalt gegenüber Migrant*innen und Asylsuchenden ist in Libyen in unterschiedlichem Ausmaß an der Tagesordnung: Von willkürlichen Verhaftungen und Entführungen, Erpressung und Zwangsarbeit, körperlicher Misshandlung und Folter in Gefangenenlagern für Migrant*innen, bis hin zu sexueller Gewalt und Mord.

Die überwältigende Mehrheit der Menschen, die wir an Bord nehmen, sind schwer traumatisiert von diesen Erlebnissen. Viele weisen Spuren von Folter auf, zahlreiche Frauen, die wir an Bord nehmen, sind während ihrer Flucht mehrfach Opfer von Vergewaltigungen geworden.

„Sobald ich in Libyen ankam, wurde ich in ein Gefängnis gesteckt. Sie wollten 5000 Dollar von mir, damit ich freigelassen werde… Wenn wir nicht zahlten, wurden wir angekettet und sie verpassten uns Elektroschocks. Ich hatte keine andere Wahl als nach Europa zu flüchten.“

„In Libyen wurden viele Schwarze ermordet, man sah die Leichen auf der Straße liegen… Dann wurde ich entführt. Ich war insgesamt 90 Tage in Gefangenschaft. Ich wurde nicht gefoltert, aber ich musste bei Vergewaltigungen zusehen.“ A., 19 Jahre, aus Gambia

 

Die zentrale Mittelmeerroute und die Erklärung von Malta


Mit rund 180.000 Ankünften in Italien letztes Jahr ist die zentrale Mittelmeerroute zwischen Libyen und Italien der zurzeit meist genutzte Fluchtweg nach Europa. Zugleich war 2016 das bisher tödlichste Jahr: über 5.000 Menschen sind auf der Suche nach Zuflucht in Europa ums Leben gekommen – so viele wie noch nie.

Die vor einigen Wochen durch die Staats- und Regierungschefs beschlossene Erklärung von Malta hat zum Ziel, die Migration und damit die Flucht über die zentrale Mittelmeerroute aus Libyen stark zu reduzieren. Libyen hat die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 nicht anerkannt. Grundlegende internationale Standards des Flüchtlingsschutzes, wie das Nonrefoulement-Gebot, das die Rückführung von Menschen in Länder besagt, in denen Folter oder andere Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Libyen ist demnach kein sicheres Land und die Rückführung von Flüchtlingen nach Libyen verletzt eben dieses Grundrecht.

Oft hören wir an Bord Sätze wie diesen: „Wenn ihr mich nach Libyen zurückbringt, springe ich aus diesem Boot.“ Viele der Geflüchteten haben die die gefährliche Reise nach Italien riskiert, weil sie der Meinung waren, es sei besser, auf dem Meer zu sterben, als den Zuständen in Libyen ausgesetzt zu sein.

Was die Beschlüsse der europäischen Staats- und Regierungschefs für uns und die Menschen bedeuten, die vor Gewalt und Armut fliehen, ist noch nicht klar. Was es aber heißt, über Libyen zu fliehen, darüber werden wir weiterhin berichten.

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